. „Ich bin in Sehnsucht eingehüllt“ - GNZ.de
16.11.2017

„Ich bin in Sehnsucht eingehüllt“

Christina Mark stellt Leben und Werk der Dichterin Selma Merbaum vor

Langenselbold (zor). Gerade einmal 18 Jahre alt ist sie geworden, die jüdische Dichterin Selma Merbaum. Am 5. Februar 1924 in Czernowitz geboren und am 16. Dezember 1942 im Zwangsarbeitslager Michailowka an Fleckentyphus gestorben, hinterließ sie 57 Gedichte, die zur Weltliteratur gehören. Am Freitagabend hat Christina Mark im vollbesetzten Raum Glück das Leben der jungen Dichterin und deren Werk vorgestellt. „Lyrik am 10.“ heißen die jährlichen Lesungen, die Mark mit Buchhändlerin Bärbel Tárai zur Erinnerung an die Reichspogromnacht veranstaltet. Begleitet wurde die Referentin dabei erneut von Klarinettist Klaus Kattenberg.

Czernowitz, auf halben Wege zwischen Kiew und Bukarest, Krakau und Odessa gelegen, war zur Zeit der k.u.k. Monarchie ein kulturelles Zentrum Osteuropas. Deutschsprachige Juden, Rumänen, Ukrainer, Polen, Ungarn, Slowaken und Armenier bildeten eine multikulturelle Stadtgesellschaft, innerhalb derer ein freier Geist herrschte. Es gab Kirchen, 70 Synagogen und viele Kunstvereine. Zeitungen erschienen in drei Sprachen; jede ethnische Gruppe hatte ihr Theater. Es gab Kaffeehäuser Wiener Art in denen Kontakte gepflegt und Gespräche geführt wurden. Für viele Künstler war Czernowitz ein Karrieresprungbrett. Aus dieser pulsierenden Stadt stammen auch der Dichter Paul Celan, ein entfernter Cousin Merbaums, und die Lyrikerin Rose Ausländer.

Die schöne Lage im Norden der Bukowina (Buchenland) wurde der Stadt zum Verhängnis. Nach dem Zerfall der Habsburgermonarchie wurde Czernowitz rumänisch, ab 1940 für ein Jahr sowjetisch, dann von den nach Russland einmarschierten deutschen Truppen wieder den verbündeten Rumänen zugeschanzt und schließlich 1924 von den Sowjets zurückerobert.

Bei Selma Merbaums Geburt gehörte Czernowitz bereits zu Rumänien. Die Kulturszene war trotz der geschichtlichen Wirren noch immer agil. Selma, ein lebensfrohes, selbstbewusstes und intelligentes Mädchen, begeisterte sich am stärksten für das Klavierspiel und generell für die Musik. Da ihre Familie zu arm war, um ein Instrument oder Klavierunterricht für die Tochter zu finanzieren, fand Merbaum in der Lyrik einen Weg, ihre vielen Gefühle, unter anderem für die Musik auszudrücken, die wie kein anderes Medium die Fantasie der Dichterin anregte.

Mehr in der GNZ vom 15. November.

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