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Der grüne Anstrich

Die Wetterauer AfD versucht sich im Landtagswahlkampf am Thema Landwirtschaft

17 Jul 2018 / 14:10 Uhr

AfD und Landwirtschaft? Ein eher ungewöhnliches Paar. Doch in Vorbereitung auf den Landtagswahlkampf in Hessen liegt dem Wetterauer Kreisverband am Herzen, weg vom Ruf einer monothematischen Partei zu kommen. Es geht eben nicht nur um Flüchtlinge.

Im Dorfgemeinschaftshaus Ulfa sitzen rund 40 Zuhörer, nicht ausschließlich nur AfD-Mitglieder. Zumindest einer wird sich später als langjähriges Mitglied der CDU äußern, bevor er die Veranstaltung verlässt. Wohlgemerkt: Der Vortrag des Vogelsberger Landwirts Johannes Marxen ist offen für alle. Das Thema: „Die Landwirtschaft im Umbruch.“

Öko- versus konventionelle Landwirtschaft

Marxen bewirtschaftet seinen Hof ökologisch, wie er schildert. Seine Botschaft: Wir leben über unsere Verhältnisse. Zu viele Lebensmittel würden produziert, die dann am Ende im Müll landeten. Und seine Rechnung: 30 Prozent der Nahrung würden auf Kosten der Natur für die Tonne produziert. Besser gesagt, um die Auslagen in Supermärkten bis zum äußersten Punkt mit Ware bestücken zu können, auch wenn der Ladenschluss schon näherrückt.

Die Veranstaltung moderiert Andreas Lichert. Der Wetterauer AfD-Chef gilt gemeinhin als Rechtsaußen in der Partei: Er ist Vorsitzender des Vereins für Staatskunde, dessen Träger das Institut für Staatspolitik ist, eine neurechte Denkfabrik in Sachsen. Der Bad Nauheimer gibt sich betont freundlich und höflich: sowohl in seinem Auftreten an diesem Abend wie auch als Mitglied des Wetterauer Kreisausschusses während der Kreistagssitzungen.

Doch der freundliche junge Lichert – Jahrgang 1975 – hat bisweilen Mühe damit, die Wogen der Debatte glatt zu halten: Während Marxen darüber referiert, dass der Unkrautvernichter Glyphosat angeblich die Fruchtbarkeit von Tieren beeinflusst und die Auswirkungen des Mittels sogar mit denen der Contergan-Missbildungen vergleicht, schüttelt drei Reihen vor dem Referenten ein konventioneller Landwirt den Kopf und vergräbt schließlich das Gesicht in seinen Händen.

„Dann geht besser zu den Grünen!“

Einem Kollegen von ihm platzt später während der Diskussion der Kragen: Er gibt sich als besagtes CDU Mitglied zu erkennen, besuche die Veranstaltung aber als Landwirt. Sichtlich erregt schildert er, dass die biologische Bewirtschaftung der Böden auch ihre Schattenseiten habe: Der Boden müsse öfter bearbeitet werden, das bedeute neben höheren Maschinenverschleiß auch einen höheren Treibstoffverbrauch. „Dann geht besser zu den Grünen, da seit ihr besser aufgehoben“, wirft er den Veranstaltern als letzte Worte entgegen, bevor er den Raum offenbar mit dem Eindruck verlässt, die AfD wolle den Bauern eine ökologische Form der Landwirtschaft aufdrängen.

Schon vorher sind Aussagen gefallen, die weder belegt sind und manchmal schlicht und ergreifend Unsinn: Eine Zuhörerin „informiert“ den Referenten über die schädliche Wirkung Glyphosats auf Darmbakterien, die Photosynthese betreiben. Dieser offensichtliche Nonsens bleibt unwidersprochen, selbst von der stellvertretenden Kreissprecherin Cornelia Marel, die sich später selbst als Mikrobiologin bezeichnet. Tenor von Marxen: „Ich lasse auch andere Meinungen zu.“

Die muss der Ökolandwirt auch ertragen, jemand, der die Politiker im Bund auch mal nonchalant als „Pappnasen“ bezeichnet. Ohnehin tut sich der Landwirt augenscheinlich schwer mit Landwirtschaftsministern, die selbst originär angeblich nichts mit Landwirtschaft zu tun hatten: Juristen wir der einstige Chef dieses Ressorts, Christian Schmidt (CSU), sind ihm genauso ein Gräuel wie Julia Klöckner (CDU), die als studierte Theologin dieses Amt seit dem Beginn der Regierung Merkel im Frühjahr bekleide, ohne Ahnung von Ackerbau und Viehzucht zu haben.

Bakterien, die Antibiotika fressen

Dabei unterschlägt Marxen, dass Theologie nur eines der drei Fächer war, die Klöckner an der Mainzer Gutenberg-Universität studierte: hinzu kommen Pädagogik und Politikwissenschaft. Die Landesvorsitzende der rheinland-pfälzischen CDU machte zudem einen Doppelabschluss: neben dem ersten Staatsexamen für Gymnasien ebenso einen Magister. Groß geworden ist sie übrigens auf einem Bauernhof, ihre Magisterarbeit schrieb sie zum Thema „Struktur und Entwicklung der europäischen Weinmarktpolitik“.

Für Marxen hingegen bleibt sie allein Theologin, und: „Die hat in der Landwirtschaft nichts zu suchen.“ Kein Bauer – keine Ahnung, scheint die Gleichung in Marxens Kopf zu lauten. Gleichzeitig maßt der Landwirt sich an, den Zuschauern von der Entstehung multiresistenter zu berichten und scheut nicht, den Eindruck zu erwecken, als seien resistente Bakterien am Ende wie Alkoholiker, sogar abhängig von diesem Gift, das sie eigentlich töten soll. Richtig wäre: Den Bakterien macht die Antibiose schlichtweg nicht mehr zu schaffen – das war‘s.

Der Abend endet nach rund anderthalb Stunden, draußen sind – wie bestellt – goldene Weizenfelder zu sehen, von der Abendsonne erleuchtet. Und doch fand man in der Diskussion zum Thema Landwirtschaft wieder zum Markenkern der AfD – die Flüchtlingsfrage – zurück. Und sei es nur mit der Forderung, die Menschen auf dem afrikanischen Kontinent vor Ort zu versorgen, statt sie ins Land zu holen. Das Resümee? Mitglieder der AfD sind sicherlich vieles, aber bestimmt nicht die neuen Grünen.

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