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Menschen mit Mut austatten

Eine Bürgerwerkstatt der Kooperative „Oberes Niddertal“ in Hirzenhain sucht Konzepte, um die ländliche Region gegenüber dem Sog der Metropolen zu stärken

07 Dez 2018 / 15:22 Uhr

Von Jens Kirschner

Hirzenhain. Mit dem Verbundmodell „Oberes Niddertal“ wollen die Kommunen Hirzenhain, Ortenberg und Gedern gemeinsam die interkommunale Zusammenarbeit stärken. Vergangene Woche kamen in Hirzenhain Interessierte erstmals zu einer Bürgerwerkstatt zusammen, um Ideen für die künftige Kooperation zu sammeln.

Es geht darum, die eigenen Stärken gegenüber den Metropolen herauszuarbeiten. Es geht darum, das Licht der ländlichen Region gegenüber den Großstädten nicht unter den Scheffel zu stellen. Wenn Bernd-Uwe Domes, einer der drei Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Wetterau, über die Möglichkeiten ländlicher Kommunen referiert, ist das ein Spagat zwischen Idealismus und Pragmatismus. Wichtigste Nachricht: Es gibt nichts Gutes, außer man tut es. Denn es geht um eigene Stärken, die jede Stadt und Gemeinde auf dem Land erkennen und nutzen sollte, um für sich zu werben.

Hirzenhain ist so ein Beispiel. Einst bekannt durch die Buderuswerke als Arbeitgeber von mehr als 1.400 Arbeitnehmern ist die Kommune mit dem Weggang des Unternehmens inzwischen defizitär und unter den kommunalen Schutzschirm des Landes Hessen geschlüpft. Bekannt war Hirzenhain jüngst eher um die Querelen seines zweifelhaften Ex-Bürgermeisters Freddy Kammer, dessen Abwahl ein juristisches Tauziehen nach sich zog, das noch immer nicht ausgestanden ist. Auf der anderen Seite steht dort noch immer ein Kunstgussmuseum, das, trotz Streits um die Führung des Trägervereins, ein Markenkern der drei Ortsteile sein könnte, der ein wichtiges Stück Industriekultur widerspiegelt.

Auf Augenhöhe agieren

So ist es auch mit dem einstigen Buderusgelände. In einer der Hallen ist an diesem Montagabend eine erkleckliche Anzahl an Besuchern zusammengekommen, mehr als sich die Veranstalter wohl erhofft hatten. Es ist vielleicht Symbol eines Wiedererwachens der ländlichen Region, die sich nicht einfach so von den boomenden Metropolen abhängen lassen, sondern zumindest auf Augenhöhe agieren will. Ähnliche Bewegungen lassen sich auch woanders ausmachen, so beim Projekt „Dorf und Du“ in dem 17 Wetterauer Kommunen innerhalb des Leader-Förderkreises vereint sind, darunter Nidda und Butzbach. „Wir wollen die Menschen hier auch mit Mut ausstatten, denn es gibt so viel Schönes hier, manchmal sieht man es vielleicht nicht“, meint André Haußmann, Planer beim Büro Marketing Effekt, das die Zusammenarbeit der drei Kommunen begleitet.

Der Stadtplaner Rainer Trapp spricht gar von einer Gegenwehr der ländlichen Region gegen die Ballungsräume, auf die sich immer mehr Menschen fokussierten. „Wenn sie (die Kommunen im ländlichen Raum, Anm. d. Red.) nicht die eigene Identität anstrengen, dann geraten sie in einen Strudel hinein, aus dem sie nicht mehr rauskommen“, beschreibt Trapp die Situation mit der Sogwirkung der Großzentren. Für diese Identität betrachtet Bernd-Uwe Domes drei Fragen: Wo kommen wir her, wo stehen wir und wo wollen wir hin? Domes spricht von der Tertiärsierung der Wirtschaft, vom Wandel einer Industrie- in eine Dienstleistungsgesellschaft. „Das hat aber nicht dazu geführt, dass hier Rationalisierungsprozesse in neue Geschäftsbereiche, in neue Dienstleistungsbereiche in ausreichendem Maße überführt wurden“, diagnostiziert er die Situation für die ländlichen Städte und Gemeinden.

Und dennoch habe sich die Situation im Blick auf die Arbeitsmarktzahlen zwischen 2010 und 2017 gedreht, habe die Beschäftigungsquote im Oberen Niddertal um rund acht Prozent zugenommen, während sie von 1991 bis 2010 um rund 28 Prozent gesunken war. „Wir können feststellen, dass wir einfach einen gesunden Mittelstand haben im Oberen Niddatal, dass wir ein gesundes Handwerk haben“, sagt Domes. Und diese Firmen investierten in die Modernisierung ihrer Produktion – das sei ein ganz klares Bekenntnis dieser zumeist Familienunternehmen zur Region. Domes fordert neue Formate der Bürgerbeteiligung für den Austausch von Erfahrung und Wissen, ebenso: „Es ist weiterhin wichtig zu erkennen: Was haben diese drei Kommunen für Potenziale?“, umschreibt er die Kernfrage, die sich Hirzenhain, Gedern und Ortenberg als Mitglieder der neuen Kooperative Oberes Niddertal stellen müssten. Diese gelte es innerhalb eines städtebaulichen Planes zu entwickeln – ein Prozess, den die Kommunen mit ihren Verwaltungsapparat nicht allein bewerkstelligen könnten. Sie bräuchten die Hilfe außenstehender Berater. Das Ganze müsse vor dem Hintergrund der zunehmenden Digitalisierung, der Energiewende und nicht zuletzt der Einbindung einer „mündigen Bürgerschaft“ geschehen.

Mündige Bürgerschaft

Diese mündige Bürgerschaft hatte noch am gleichen Abend Gelegenheit, sich mit ihren Ideen und Vorstellungen einzubringen. Das Diskussionsformat hierzu: ein „World-Café“. Verteilt auf verschiedene Gruppen hatten die Teilnehmer des Abends in wechselnden Runden die Möglichkeit, verschiedene Themenbereiche zu besprechen. Deutlich wurde dabei: Mobilität ist vielen ein wichtiges Anliegen, wie Andrea Soboth vom Gießener Institut für Regionalmanagement berichtet. Zu Tage gekommen sei beispielsweise die Idee eines interkommunalen Gewerbevereins, einer Gilde für Oberhessen. Ebenso sei die Überführung des Hirzenhainer Kunstgussmuseums in die Zukunft als „Herzensangelegenheit“ hervorgetreten. „Zu den Stärken gehört die Charakteristika der Orte, die in einer schönen Landschaft liegen. Deutlich wurde hier ein hohes Engagement der Leute vor Ort. Man will etwas gemeinsam machen. Das ist auch ein wichtiger Punkt an Lebensqualität, etwas, das die Ortsteile prägt“, resümiert Soboth.

Es soll nicht die letzte Gelegenheit zum Austausch gewesen sein. Auch künftig sollen derartige Formate Gelegenheit bieten, neuen Ideen einzubringen. Das auch, um mit ausgearbeiteten Konzepten Geldern aus Fördertöpfen zu erschließen. Hierzu sollen die dokumentieren Ideen zunächst auf den Internetseiten der beteiligten Kommunen veröffentlicht werden. Selbst eine Landesgartenschau war für Bernd-Uwe Domes denkbar. Nicht als größenwahnsinnige Vision, sondern als Projekt mit einem vernünftigen Nebeneffekt: die Stärkung der örtlichen Infrastruktur.

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