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Aus „Fürsorge“ in einen Sack gesteckt

Prozess gegen mutmaßliche Sektenchefin am Hanauer Landgericht fortgesetzt

24 Okt 2019 / 23:02 Uhr
Hanau. Dass sie die ihr anvertrauten Kinder, ebenso wie ihre eigenen, „immer lieb gehabt“, eine „unglaubliche Geduld“ mit ihnen hatte und ihnen „nie etwas nachgetragen“ hat, das sagt Claudia H., die Mutter des am 17. August 1988 verstorbenen Jan, über Sylvia D. Auch heute noch. Die Frau, die nun wegen Mordes an dem Jungen vor dem Hanauer Landgericht steht, soll stets um das Wohlergehen Jans bemüht gewesen sein, nur sein Bestes gewollt haben. Doch jene Aussagen stehen in einem kaum aufzulösenden Widerspruch zu dem, was sich in den Tagebuchaufzeichnungen von Sylvia D. findet. Jene waren am Donnerstag Gegenstand der Beweisaufnahme. Und längst nicht das einzige erschütternde Detail an diesem Tag.

Es sind nur Worte, und doch so viel mehr als das. Formulierungen, die vor Abscheu nur so strotzen und in jeder Zeile von einer tiefen Verachtung zeugen. Es ist offensichtlich, dass sich hier eine vom Verfasser tief empfundene Wut Bahn bricht. Geschrieben hat jene Worte Sylvia D., und die Person, die sie darin einen „gemeinen Sadisten“ nennt, der „dreckig grinst“, ist Jan H., vier Jahre alt, der zu diesem Zeitpunkt gemeinsam mit seinen Eltern mit im Haus der D.s lebt. In ihren Tagebuchaufzeichnungen reflektiert die heute 72-Jährige ihre Sicht auf den Jungen. Demnach ist Jan, ein „fieser kleiner Kerl“ und ein „wahnsinnig eingebildeter Schauaffe“, der „nach Lust und Laune in die Hose macht“ und „sich hier bei uns wie ein kleines machtsadistisches Schwein aufführt.“ Den Tod Jans erklärt Sylvia D. damit, dass „der Alte“, wie sie Gott in ihren Aufzeichnungen nennt, „seine Lebenszeit deshalb begrenzt hat, damit er nicht noch mehr Schuld auf sich lädt.“ Seine Eltern hätten „einen ausgewachsenen Jan nicht mehr bändigen können“ und „um ihr Leben fürchten müssen“, notiert sie am 18. August 1988, einen Tag nach Jans Tod.

Mehr: GNZ vom 25. Oktober

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