SUCHE

Bombe erfolgreich entschärft

Hanauer Norden wird nach Evakuierung zum Geisterbezirk

07 Jun 2019 / 17:25 Uhr
Hanau (nic). Es gibt Horrorfilme, die so anfangen: Die Straßen sind leer, die Rollläden der Geschäfte heruntergelassen, eine Tankstelle liegt verlassen da, weit und breit ist keine Menschenseele zu sehen. Doch wer heute Morgen in Hanau entlang der Bruchköbeler Landstraße unterwegs war, musste nicht die nahende Apokalypse befürchten und auch keine Zombiehorden, die aus dem Gebüsch springen. Gleichwohl war der Grund für die außergewöhnliche Ruhe kein ganz alltäglicher: Weil auf einem Grundstück eine Weltkriegsbombe entdeckt worden war, musste der Hanauer Nordwesten weiträumig evakuiert werden.

Der letzte derartige Fund in Hanau ist noch gar nicht so lange her: Erst im vergangenen November war auf dem Pioneer-Areal in Wolfgang ein Blindgänger entdeckt und erfolgreich entschärft worden. Im Unterschied zu der Bombe auf dem ehemaligen Kasernengelände, die bei dortigen Bauarbeiten gefunden worden war, ist der jüngste Bombenfund an der Bruchköbeler Landstraße kein zufälliger, sondern das Ergebnis gezielter Suche. Eine beauftragte Fachfirma hatte den Blindgänger auf dem Gelände einer ehemaligen Tankstelle aufgespürt, da das Areal als Bombenabwurfgebiet bekannt war.

René Bennert vom Kampfmittelräumdienst des Regierungspräsidiums Darmstadt ist ob dieser Ausgangssituation noch ein wenig gelassener, als er es ohnehin wäre. „Wenn ein Blindgänger bei Bauarbeiten aufgespürt wird, besteht immer das Risiko, dass der Bagger ihn an der falschen Stelle trifft“, weiß der Mann, der später auch die Hanauer Bombe entschärfen wird. Ansonsten sei das Vorgehen im Prinzip dasselbe wie bei der jüngsten Hanauer Entschärfung, da die Bombe mit demselben Zündungssystem ausgestattet sei wie die in Pioneer, einem sogenannten Bodenaufschlagzünder. „Um den von der Bombe zu lösen und sie somit zu entschärfen werden wir auch diesmal eine Raketenklemme verwenden und uns in sicherem Abstand aufhalten“, schildert Bennert das Vorgehen, für das er rund anderthalb Stunden veranschlagt.

Mit 250 Kilo ist der metallene Koloss unter der Erde zwar zweifelsohne mächtig, aber trotzdem nur halb so schwer wie die in Wolfgang entschärfte Bombe, die 500 Kilo wog. Hierauf sei es auch zurückzuführen, dass der Evakuierungsradius diesmal bei „nur“ 700 Metern rund um den Fundort betrage, in Wolfgang waren es 1.000 Meter gewesen.

Über Langeweile können sich Peter Hack, Leiter der Hanauer Feuerwehr, und seine haupt- und nebenamtlichen Kräfte nebst einigen Maintaler Kollegen allerdings dennoch nicht beklagen. Um 7 Uhr morgens startet die Evakuierung, die bis 14 Uhr abgeschlossen sein soll. Immerhin drohen laut Wetterbericht zum späten Nachmittag hin Unwetter über der Region, was dem Entschärfungsgeschehen nicht unbedingt zuträglich wäre. Mehr als 5.000 Menschen müssen also in den kommenden Stunden ihre Wohnungen verlassen, und das bedeutet einen wahren Klingelmarathon für die Einsatzkräfte. Laut Hack verläuft die Evakuierung ohne größere Probleme, wenngleich es immer wieder Einzelne gebe, die sich weigerten, ihre Wohnung zu verlassen – zum Teil, weil sie damit ihre Freiheitsrechte beschnitten sähen.

Eine besondere Herausforderung für die rund 200 eingesetzten Kräfte von Feuerwehr und Rettungsdiensten aus Hanau stellt die Evakuierung der Bewohner da, die nicht mehr mobil und deshalb auf einen Transport mit dem Krankenwagen angewiesen sind. 75 Liegendtransporte sind angemeldet, die Betroffenen werden für die Dauer der Evakuierung in der August-Schärttner-Halle untergebracht. Für alle, die nicht gesundheitlich beeinträchtig sind, gibt es in der Mehrzweckhalle Mittelbuchen und in der Willy-Rehbein-Halle in Klein-Auheim Platz und ein Mittagessen. Ebenfalls betroffen ist das Wohnstift Hanau, von dem allerdings nur ein Teil in der Evakuierungszone liegt. Die 72 Bewohner, die ihren Wohnbereich verlassen müssen, können aber intern umverteilt und weiterhin versorgt werden, sagt Einrichtungsleiter Stephan Hemberger. Sein Dank gilt neben den beteiligten Sanitätern und Rettungsassistenten von ASB, DRK und Johannitern vor allem auch den Mitarbeitern des Wohnstifts, die zur Unterstützung gekommen sind, obwohl sie zu diesem Zeitpunkt nicht im Dienstplan stehen.

Einen unerwartet schulfreien Tag beschert der Bombenfund den Schülern der Hohen Landesschule, der Erich-Kästner-Schule, der Eugen-Kaiser-Schule und der Kaufmännischen Schulen. Auch die Kinderburg Fallbach und die Kindertagesstätte Nord-West bleiben geschlossen. Angesichts der Tatsache, dass lediglich eine Familie offenbar nichts mitbekommen hat von der Evakuierung, über die am Vorabend via städtischer Pressemitteilung, im Radio und in den sozialen Netzwerken informiert worden war, findet OB Claus Kaminsky lobende Worte für die interne Kita-Kommunikation. Doch längst nicht nur dafür. „Die Geschwindigkeit, mit der alle Beteiligten von Polizei, Rettungsdiensten und Feuerwehr hier aktiv geworden sind und sich dieser alles andere als trivialen Aufgabe zu stellen, verdient meinen allergrößten Dank und Respekt“, sagt der OB bei einer kurzfristig einberufenen Pressekonferenz am Ort des Geschehens.

Dort herrscht aufgrund der Sperrung für den Straßenverkehr eine nahezu paradiesische Ruhe, auch wenn der Umstand, dass sowohl die Autobahnanbindung Hanau-Nord der A66, die B 45 in Richtung Innenstadt, die Maintaler Straße und die Oderstraße nicht genutzt werden können, sich im restlichen Stadtgebiet deutlich bemerkbar macht. Ein verkraftbarer Wermutstropfen, kann doch die Sperrung am Ende sogar noch früher wieder aufgehoben werden als vorgesehen: Bereits um 14 Uhr teilt die Hanauer Feuerwehr via Twitter mit, dass die Entschärfung der Bombe abgeschlossen ist und die Bewohner in Kürze zurück in ihre Wohnungen können.

Weitere Meldungen aus der Region
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4

Schlagwörter: