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Persönliche Anmerkungen zu den Terroranschlägen

26 Feb 2020 / 08:40 Uhr

Vielleicht sind wir uns irgendwann mal begegnet, im Supermarkt oder an der Kinokasse. Gekannt aber habe ich sie nicht. Mercedes, Ferhat, Gökhan, genannt Gogo, und die anderen. Ich weiß nicht, welche Musik sie mochten oder was ihr Lieblingsessen war, welche Sorgen sie plagten oder was sie sich am allermeisten wünschten. Und nun lässt mich der Gedanke daran nicht mehr los. Sie sind nicht nur in diesem Land gestorben, dessen dunkelstes Kapitel auf genau jenem Gedankengut beruhte, aus dem heraus ein wahnsinniger Mörder auch ihr Leben auslöschte. Sondern auch in der Stadt, die genauso mein Zuhause ist, wie sie ihres war.

Auch ich trage Verantwortung, auch ich frage mich seitdem wieder und wieder, ob ich laut genug „Nein“ gesagt habe, ob ich entschlossen genug aufgestanden bin gegen Hetze, gegen Hass. Und ich frage mich, was ist, wenn die ersten Tränen getrocknet sind, der erste Schock überwunden. Werden wir, werde ich dann einfach zur Tagesordnung übergehen? Die Vergangenheit stimmt mich diesbezüglich nicht sonderlich optimistisch, wenn der Schmerz nachlässt, ist der Alltag nicht mehr weit. Aber mehr als jemals zuvor stehen wir, stehe ich in der Pflicht.

Wir sind Menschen. Wir kommen nackt und schutzlos auf die Welt und ahnen nichts davon, dass später manche gleich, andere aber noch gleicher sein werden. Rassismus spaltet. Und er tötet, ganz egal, gegen wen er sich richtet. Es ist pervers, die Toten islamistischer Attentate und rechten Terrors gegeneinander aufzuwiegen. Es darf, gerade jetzt, kein „ihr“ und „wir“ geben, sondern nur ein „uns“. Und dabei dürfen, dabei müssen wir uns auch ehrlich machen. Unsere Unterschiede anerkennen und einen viel offeneren Umgang mit Schwierigkeiten pflegen. Es ist keine Schande, sich zu streiten, es ist völlig in Ordnung, wenn man sich die Lebensweise eines anderen für sich selbst nicht vorstellen kann. Es reicht, wenn man sie respektiert. Aufrichtig respektiert. Ich weiß, was das heißt. Mein Mann hat kurdische Wurzeln, ich bin in Thüringen geboren. Wir lachen oft darüber, dass er seiner Interpretation nach diesen Teil Deutschlands, in dem wir jetzt leben, mehr als seine Heimat beanspruchen darf als ich – immerhin sind die Türken ja vor den Ossis hier gewesen, sagt er. Dennoch bieten unsere grundverschiedene Sozialisation und die unterschiedliche kulturelle Prägung jede Menge Zündstoff. Das Bemühen, dass dabei nichts explodiert, kann ziemlich anstrengend, manchmal mühsam sein. Trotzdem ist es, daran zweifle ich nicht, jeder Mühe wert, und das meine ich nicht nur, weil ich deshalb weiß, wie das beste Baklava der Welt schmeckt. Ich habe auch gelernt, mal die Perspektive zu wechseln. So oft lohnt sich ein zweiter Blick auf die Dinge.

Und dann ist da dieser Moment bei der Gedenkveranstaltung am Samstag auf dem Freiheitsplatz. Als ich die Menschen sehe, die die Bilder ihrer toten Kinder, Brüder, Schwestern und Freunde in den Händen halten, hilft alles Zusammenreißen nichts mehr, und meine Notizen verschwimmen vor meinen Augen. Ein Mann geht an mir vorbei, nickt wissend. Und legt mir wortlos den Arm um die Schultern. Er, der hier ist, weil er seinen Sohn betrauert. In meinem ganzen Leben werde ich diese Geste nicht vergessen und das unglaubliche Geschenk, das er mir damit gemacht hat.

Und so gehe ich an diesem Tag trotz allem voller Hoffnung nach Hause. Hoffnung, dass wir es doch schaffen. Dass wir etwas ändern. Dass wir genauer hinsehen, eindringlicher nachfragen. Und dass wir viel mehr mit- als übereinander reden. Denn trotz aller – berechtigter – Rufe nach konsequenten Strategien im Kampf gegen rechte Gewalt: Das zarte Pflänzchen ebenjener Hoffnung gedeiht nicht in Berliner Plenarsälen, sondern hier, mitten unter uns.

Zehn Menschen sind tot. Ermordet. Und nichts auf der Welt bringt sie zurück. Aber wir dürfen den Hass nicht gewinnen lassen. Das sind wir diesen Menschen schuldig.

Nicole Schmidt

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