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Eine Beleidigung zuviel

Prozess um Messerstecherei unter jungen Männern fortgesetzt

17 Nov 2020 / 16:55 Uhr

Hanau (nic). In ein paar Minuten ist alles vorbei. An einem März-Abend in Hanau gehen zwei Gruppen junger Männer auf einem Parkplatz unweit des Klinikums brutal aufeinander los, schlagen mit Fäusten, Stangen und Messern aufeinander ein. Ungleich langwieriger wird sich die Aufarbeitung gestalten, der sich derzeit die zweite Große Strafkammer des Hanauer Landgerichts widmet. In akribischer Kleinarbeit gilt es nun, jeden Augenblick des Geschehens zu beleuchten, jedes Wort, jeden Schlag, jeden Stich zu erfassen und damit letztlich jede einzelne Verletzung ihrem jeweiligen Verursacher zuordnen zu können – und derer gibt es zahlreiche. Eine Mammutaufgabe also, ein Puzzle mit 1.000 Teilen, das es zusammenzusetzen gilt. Am Ende des zweiten Verhandlungstages aber scheint eine Vorstellung, welches Bild jenes Puzzle am Ende ergeben könnte, noch in weiter Ferne zu liegen.

Neun junge Männer syrischer, irakischer und albanischer Herkunft stehen vor Gericht, weil sie an besagter Prügelei am 28. März beteiligt gewesen sein sollen. Fünf müssen sich wegen gefährlicher Körperverletzung verantworten, vier von ihnen sind, weil sie nicht „nur“ mit Fäusten, sondern auch mit Messern gekämpft haben sollen, wegen versuchten Totschlags angeklagt. Einer davon ist Azad S., der seit Anfang Mai in Untersuchungshaft sitzt und vor Gericht die Ereignisse jenes Tages aus seiner Sicht schilderte.

Es ist ein Samstagabend, an dem der 26-Jährige sein Auto – einen Transporter der Firma, für die er Fleisch ausliefert – auf einem Parkplatz nahe dem Klinikum abstellt und sich zu Fuß Richtung Innenstadt begibt. Auf dem Weg dorthin genehmigt er sich einen Joint und eine erste Dose Jacky Cola, mindestens drei weitere sagt er, folgen später zusammen mit seinem Freund und Mitangeklagten Alan S. Wichtig ist ihm, zu betonen, dass er durch besagte Rauschmittelkombination richtig neben der Spur war – „besoffen“, wie er sagt. Darauf führt er auch zurück, dass er dem dringenden Bedürfnis, das er bald darauf verspürt, in aller Öffentlichkeit nachgibt und an einen Baum auf dem Freiheitsplatz uriniert.

Darüber wiederum echauffiert sich der just in diesem Moment mit seiner Freundin vorbeikommende Eraldo H. laut der Aussage von Azad S. derart, dass sich alsbald ein hitziges Wortgefecht entwickelt, währenddessen sich beide gegenseitig mit Schimpfwörtern überziehen. Wobei aber, das ist dem Angeklagten wichtig, ganz klar sein Widersacher angefangen habe, während er selbst noch recht ruhig geblieben sei. Das Ganze schaukelt sich dennoch zunehmend hoch, und Eraldo H. lupft laut Aussage von Assad S. da schon mal das Messer, das er in seiner Jogginghose mit sich führt.

Die rote Linie dieser – übrigens in deutscher Sprache geführten – Verbalattacke ist für Azad S. jedoch erst überschritten, als sich die Tiraden seines Kontrahenten gegen seine Mutter richten. „Sie ist für mich heilig“, sagt er. Was Eraldo H. ihm an den Kopf wirft, ist weder besonders originell noch neu, doch es reicht aus, dass Azad S. Rot sieht.

Mehr dazu lesen Sie am Mittwoch, 18. November, in der GNZ.

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