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Kaufhaus für Kunst und Kultur

In Hanau eröffnet der Kunst-Kauf-Laden „Tacheles“

15 Jun 2021 / 14:48 Uhr
Hanau (re). „Dieses spannende und ungewöhnliche Kaufhaus hat schon vor seiner offiziellen Eröffnung neugierige Blicke auf sich gezogen. Der ‚Kunst-Kauf-Laden‘ bereichert unsere Stadt“, freut sich Hanaus Oberbürgermeister Claus Kaminsky über den Start für den neuen Pop-up-Laden in der Nürnberger Straße. Er ist Teil und neuer Leuchtturm des Stadtentwicklungsprogramms „Hanau aufLADEN“, mit dem die Stadt Leerstand und Abwärtsentwicklungen in der Innenstadt entgegenwirkt. Das „Tacheles“ ist zum einen ein Kunstkaufhaus, in dem mehr als 1.300 Werke angeboten werden, zum anderen ist es ein Ort der Begegnung und des Austauschs, der bei Lesungen, Malkursen oder Tattoo-Sitzungen Bürger zusammenbringen soll.

Im „Tacheles“ können Kunst-Fans Werke verschiedener Genres erwerben – von Malerei über Fotografie und Grafik bis zu Skulpturen, Keramiken und Designobjekten. Wer selbst aktiv werden will, kann Farben, Pinsel und Leinwände kaufen. „Zudem bieten wir ein großes Sortiment an Spraydosen für Graffiti-Künstler an“, erklärt Martin Bieberle, Geschäftsführer der Hanau Marketing GmbH, die den KunstKauf-Laden mit Unterstützung des städtischen Fachbereichs Kultur betreibt. „Parallel suchen und vermitteln wir geeignete Wandflächen, die legal besprüht werden können. Dafür beziehen wir alle notwendigen Entscheidungsträger wie Stadt, Soziokultur, Ordnungsamt und natürlich Eigentümer mit ein. Wir wollen der zumeist illegal agierenden Szene zeigen: Wir zeigen euch gemeinsam erlaubte Wege in die Öffentlichkeit.“ Das Angebot sei essenzieller Bestandteil des „Tacheles“-Konzeptes; man übernehme damit eine soziale und kulturelle Aufgabe und könne so auch zur Verschönerung des Stadtbildes beitragen, so Bieberle und Martin Hoppe, Fachbereichsleiter Kultur der Stadt Hanau.

Im „Tacheles“ verkaufen mehr als 130 Kunstschaffende auf insgesamt 400 Quadratmetern Fläche ihre Werke; zu 80 Prozent stammen sie aus Hanau und der Region. „Wir haben aber auch Werke aus Leipzig und von einem Kulturpreisträger aus Osnabrück“, berichtet Engin Dogan, Storemanager des Kunstkaufhauses. Preislich ist für jedes Budget etwas im Angebot. Die Werke kosten zwischen 30 und maximal 500 Euro; zehn Prozent davon entfallen als Provision. „In Hanau und Umgebung gibt es eine beindruckend große Szene, die im Untergrund brodelt. Nicht alle Hobbykünstler sind organsiert, und gerade in Corona-Zeiten sind wahre Schätze entstanden. Bei uns stehen diese Schätze jetzt zum Verkauf“, sagt Dogan. „Unser roter Faden ist, dass es bei der Hängung keinen roten Faden gibt; das Attraktive ist die Mischung.“ So könne das Werk einer Profi-Malerin, die schon in Hongkong ausgestellt hat, neben dem eines Hobbymalers aus Kesselstadt hängen. „Damit man erahnen kann, wie sich ein Gemälde im eigenen Wohnzimmer machen könnte, haben wir im zweiten Stock eine Kunst-Anprobe eingerichtet, das ‚#TachelesSofa‘: Kaufinteressierte können das ausgewählte Bild an einer leeren Wand über einem Sofa auf sich wirken lassen“, erklärt der Storemanager. Denn im Erdgeschoss seien die Werke sehr eng gestellt. Neben dem Verkauf fertiger Werke vermittelt das Kaufhaus auch Auftragsarbeiten.

Alle Mitarbeiter verstehen etwas von Kunst und können Auskunft zu Werken und Techniken geben. Engin Dogan selbst ist freischaffender Maler und Kalligraph. Er leitete bereits eine Galerie in Offenbach, ein offenes Atelier in Istanbul und eine Agentur für Kunst im öffentlichen Raum in Aschaffenburg.

Das „Tacheles“ – dessen Name eine Referenz an das bekannte ehemalige Kunst- und Veranstaltungszentrum in Berlin ist – bietet auch Raum für junge Künstler, die kein eigenes Atelier haben. Die Mitglieder der 15 Hanauer Kunstvereinigungen beteiligen sich intensiv an dem neuen Angebot und dürften gute Multiplikatoren weit in die Region hinein sein. „Wir wollen hier einen lebendigen Treffpunkt etablieren, bei dem Kunstschaffende und Kunstkaufende in Dialog kommen“, sagt Dogan. „Wir bieten Workshops und Seminare rund um Kunst und liefern Inspirationen und Utensilien für jedermann zum Selbermachen. Mit Lesungen unterstützen wir den lokalen Buchhandel, und natürlich bekommen Besucher bei uns auch eine Tasse Kaffee.“

Im „Tacheles“ gibt es zudem eine Veranstaltungswand: Im Zwei-Wochen-Rhythmus können ausgewählte Künstler exklusiv eine Fläche bespielen. Für die dort ausgestellten Werke gilt die Preisgrenze von 500 Euro nicht. Vorgestellt werden die Kunstschaffenden mit einem eigens erstellten Profil mit Video und Interview. Darüber hinaus sollen Projekte im öffentlichen Raum gefördert werden, und Dogan will einen Künstlerpool bilden, um Haus- und Fassadengestaltung sowie Innenraumgestaltung anzubieten.

Das Einrichten des „Tacheles“ in dem leerstehenden Gebäude an der Nürnberger Straße war möglich durch die 2019 beschlossene Vorkaufsrechtssatzung. Diese sichert der Stadt Einfluss auf die Immobiliengeschäfte in der Innenstadt; sie ist wichtiger Bestandteil des Programms „Hanau aufLADEN“. Der neue Eigentümer habe sich für die Idee sofort begeistern können und günstige Mietkonditionen ermöglicht. „Die Innenstadtentwicklung hängt zum wesentlichen Teil auch von den Immobilienbesitzern ab, bei denen wir werben, dass es nicht immer um schnelle Gewinnmaximierung gehen sollte. Mittel- und langfristig zahlen sich faire Mietkonditionen aus, weil sie so auch spannende Konzepte ermöglichen, die unsere Innenstadt auf Dauer bereichern werden“, unterstreicht Oberbürgermeister Kaminsky.

Mit dem Stadtentwicklungsprogramm „Hanau aufLADEN“ versucht die Stadt, auf verschiedenen Wegen Einfluss auf den Besatz in der Innenstadt zu nehmen: Sie fördert neue Konzepte mit einem Mietzuschuss, vermittelt Pop-up-Flächen für das kurzfristige Erproben von Geschäftsideen oder knüpft Kontakte zu Immobilienbesitzern. „Unsere Innenstädte werden sich weiter verändern, aber sie werden nach wie vor der Mittelpunkt des urbanen Lebens sein. Dementsprechend brauchen wir neue, innovative Ideen zur Nutzung der Ladenflächen“, sagt Stadtentwickler Bieberle. „Wir sind da für alle Ansätze offen.“

Der Kunst-Kauf-Laden „Tacheles“ ist montags bis samstags von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Interessierte Künstler, die dort ihre Werke verkaufen wollen, können sich über die Homepage www.tacheles-hanau.jetzt melden. Etwa alle sechs Monate soll das Sortiment gewechselt werden.

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