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Liebende Mutter oder Mörderin?

Plädoyers im Prozess gegen den 1988 im Umfeld einer Sekte getöteten Jan H./ Verteidigung macht Staatsanwaltschaft schwere Vorwürfe

08. September 2022 / 22:03 Uhr
Hanau (nic). Es ist nicht so selten, dass die Überzeugungen von Staatsanwaltschaft und Verteidigung weit auseinanderliegen, im zweiten Prozess um den Tod des kleinen Jan, der 1988 im Umfeld einer Hanauer Sekte starb, aber hat das eine besonders starke emotionale Komponente, geht es doch hier um ein fürchterliches Verbrechen in Zusammenhang mit dem fürsorglichsten und selbstlosesten aller gesellschaftlichen Rollenbilder: dem einer Mutter. Hat Claudia H. ihren vierjährigen Sohn wissentlich in eine potenziell lebensgefährliche Situation gebracht und ihn dann in der Obhut einer Frau gelassen, die ihm nach dem Leben trachtete und trägt deshalb eine Mitschuld an dessen Tod? Ja, sagt die Hanauer Staatsanwaltschaft, während die Verteidigung dies klar verneint und der Anklagebehörde ihrerseits schwere Vorwürfe macht.

Seit fast einem Jahr läuft der Prozess gegen Claudia H., nun befindet er sich auf der Zielgeraden. Die 61-Jährige war im Herbst 2020 festgenommen worden, einen Tag nachdem Sylvia D. vom Hanauer Landgericht zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt worden war. Jenes hat der Bundesgerichtshof inzwischen aufgehoben, das Frankfurter Landgericht wird sich erneut mit dem Fall befassen. Nach 545 Tagen in Haft hatte das Hanauer Landgericht den Haftbefehl gegen Claudia H. schließlich ausgesetzt, da nach Überzeugung der Kammer kein dringender Tatverdacht mehr bestand.

Den sieht die Staatsanwaltschaft jedoch nach wie vor, wie sie in ihrem Plädoyer am Donnerstag nochmals ausführlich darlegt. Für Oberstaatsanwalt Dominik Mies und Staatsanwalt Florian Hübner ist am Ende der Beweisaufnahme klar, dass Claudia H. ihren Sohn am 17. August 1988 in einen Leinensack gesteckt, diesen oberhalb seines Kopfes verschnürt und das schreiende Kind dann auf einer Matratze im Badezimmer seinem Schicksal und Sylvia D. überlassen hat – wohl wissend, dass jene den Jungen als „Reinkarnation Hitlers“ und „gemeinen Machtsadisten“ betrachtete und dessen frühen Tod („Sei nicht traurig, wenn der Alte Jan vielleicht bald holt“) wiederholt in Aussicht gestellt hatte. Durch jene Handlung habe die Angeklagte alles ihr Mögliche vorbereitet, damit Sylvia D. als vermeintliches Werkzeug Gottes jene Handlung fortführen konnte. Was D. tat, indem sie das einzige Fenster des kleinen Raumes schloss und das brüllende Kind sich selbst überließ. Jan verlor, so die Überzeugung des hinzugezogenen Gutachters, in dem sich durch seine eigene Atemluft zunehmend mit CO2 angereicherten Sack das Bewusstsein und erstickte schließlich an seinem Erbrochenen.

Mehr lesen Sie am 9. September in der GNZ.

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