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Rettung aus größter Seenot

Boot von Dirk Ludwig von Baggerschiff gerammt

26 Okt 2020 / 15:11 Uhr
Schlüchtern (kw). „Ich war eine Zeit lang unter Wasser. Das war für mich, als sei es das jetzt mit meinem Leben gewesen.“ Den 24. Oktober 2020 wird der Schlüchterner Dirk Ludwig zeitlebens nicht vergessen: Beim Angeln wird sein Boot von einem Baggerschiff überfahren – er bleibt aber unverletzt.

Dirk Ludwig steht gerade in der Nähe von Hannover auf der A 7 im Stau, als er unserer Zeitung am Telefon von seinem ungewollten Abenteuer berichtet. Früher hätte er sich über die Verzögerung geärgert. Nun nimmt er sie gelassen zur Kenntnis, wie er in einer Mischung aus Nachdenklichkeit und Fröhlichkeit erzählt. Der 46-Jährige steht hörbar unter dem Eindruck des Geschehens, beruhigt aber: „Es ist alles gut. Wir haben wahnsinniges Glück gehabt – das haben auch die Männer von der Seenotrettung gesagt. Unsere Chance, heil aus dieser Geschichte rauszukommen, war eigentlich gering.“

Die „Landratte“ – O-Ton Ludwig – ist in Schleswig-Holstein, um einige Kunden zu besuchen. Für die wenigen Tage kommt er in einem Hotel in Heiligenhafen unter – nachdem er einen negativen Corona-Test vorgelegt hat. Von dort stammt Michael Böhnke, Küchenchef und Restaurantmanager – und ein alter Freund des Schlüchterners. Der lässt sich dann nicht zweimal bitten, als Böhnke ihn am Samstag zu einer Angeltour mit einem nur wenige Meter langen Motorboot auf der Ostsee einlädt.

Die beiden sind in der Neustädter Bucht, so wird der westliche Teil der Lübecker Bucht bezeichnet, unterwegs. Für Ludwig ist es eine Premiere: „Ich habe das erste Mal geangelt – und es lief ganz gut. Dann haben wir von Weitem ein Baggerschiff kommen sehen. Wir haben uns gefragt, ob es wohl links oder rechts an uns vorbeifahren wird.“ Weder noch, lautet die Antwort, die das Duo bald am eigenen Leib zu spüren bekommen sollte: „Er ist schnurstracks über uns drüber und hat uns plattgewalzt, ohne die Geschwindigkeit zu verringern. Das ist, als ob man auf der Autobahn in einem 500er Fiat unterwegs wäre, und ein Lkw überfährt Dich einfach.“

Zu diesem Zeitpunkt wendet sich das Schicksal von Dirk Ludwig und Michael Böhnke zum Guten. Sie haben Glück im Unglück – und das gleich in mehrfacher Hinsicht. Ludwig: „Es war wie im Film. Ich dachte, ,das kann doch nicht sein’. Wir sind aus dem Boot geschleudert worden und hatten Glück, dass wir weder gegen das Schiff geknallt noch in die Schraube gekommen sind.“

Eine Zeit lang sind die Freunde unter Wasser. „Das war für mich, als sei es das jetzt mit meinem Leben gewesen. Irgendwann wurde ich wieder hochgespült – und hatte nun das zweite Problem: Ich war in der 13 Grad kalten Ostsee.“ Das gekenterte Boot ist in seiner Reichweite, und auch der etwas abseits aufgetauchte Böhnke schafft es, sich daran festzuhalten. Mit Hilfe seines wasserdichten iPhones – das seines Kollegen ging bei dem unfreiwilligen Bad verloren – wählt Ludwig die Notrufnummer.

Während er im Wasser ausharrt, wird im Hafen der Kapitän des Baggerschiffs von der Polizei in Empfang genommen. Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft. Dem 46-Jährigen ist das nicht so wichtig. Von viel größerer Bedeutung für ihn ist, dass zwei Boote mit Anglern in der Nähe sind und jeweils einen der Schiffbrüchigen nach zehn Minuten im Wasser aufnehmen. Später werden diese den Besatzungen der beiden Seenotrettungskreuzer Heinrich Wuppesahl und Hans Hackmack übergeben, die mit ehrenamtlichen beziehungsweise angestellten Rettern besetzt sind.

„Ich hatte am Ende kaum noch Kraft, mich ins Boot zu ziehen. Wir waren relativ unterkühlt. Die Ärzte haben 34 Grad Körpertemperatur gemessen. Im Krankenhaus haben sie mich mit Infusionen aufgepäppelt, am Nachmittag bin ich dann entlassen worden“, berichtet Dirk Ludwig.

Hat er nach diesem Abenteuer nun genug von Ostsee und Angeln? Ludwig: „Nein. Ich werde sicher wieder nach Heiligenhafen fahren. Das ist eine sehr schöne Gegend dort oben – und für den 24. Oktober 2021 habe ich mich mit Michael verabredet. Dann feiern wir beim Angeln unseren Geburtstag.“

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