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Beschwerde ohne Erfolg

Bundesgerichtshof in Karlsruhe lässt keine Revision im Mordfall Bohnacker zu

08 Okt 2019 / 10:01 Uhr

Ranstadt-Bobenhausen (jek/mn). Das Urteil gegen den Mörder Johanna Bohnackers, Rick J., ist rechtskräftig. Einen Antrag auf Revision seitens der Verteidigung hat der Bundesgerichtshof bereits Ende September abgelehnt, wie das Gericht vergangene Woche mitteilte. Für den Verurteilten bedeutet dies, dass er bei seiner lebenslänglichen Strafe wohl auch nach 15 Jahren nicht darauf hoffen kann, in Freiheit zu kommen.

Mit ihrem Revisionsantrag versuchte die Verteidigung das Urteil des Gießener Landgerichts anzugreifen. Die Richter dort beschieden, dass Rick J. die achtjährige Johanna Bohnacker 1999 ermordet hat. Im November verurteilten die Gießener Richter den damals 42-Jährigen zum einzigen Strafmaß, welches das Gesetz für Mord vorsieht: lebenslängliche Haft – und das bei besonderer Schwere der Schuld.

J.s Verteidigung indes plädierte seinerzeit auf Totschlag, für den außer in schweren Fällen keine lebenslange Freiheitsstrafe vorgesehen ist. „Wer einen Menschen tötet, ohne Mörder zu sein, wird als Totschläger mit Freiheitsstrafe nicht unter fünf Jahren bestraft“, steht im ersten Absatz der einschlägigen Strafnorm.

Dreh- und Angelpunkt für die Verurteilung Rick J.s als Mörder war die Frage, ob er die damals achtjährige Johanna Bohnacker zur Befriedigung seines Geschlechtstriebs getötet hatte.

Nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft habe Rick J. die achtjährige Johannna Bohnacker am 2. September 1999 am Laisbach in ihrem Heimatort Bobenhausen bei Ranstadt gesehen, mit Chloroform betäubt und in den Kofferraum seines VW Jettas gezerrt. Dann habe der 42-Jährige das Mädchen gefesselt, mit Klebeband ihren Kopf 29-mal umwickelt und eine Stelle gesucht, wo er sie vergewaltigen könne. Ein Missbrauch, sagte Staatsanwalt Thomas Hauburger, könne zwar nicht nachgewiesen werden, vieles spreche aber dafür, wie beispielsweise Johannas fehlende Kleidung und persönliche Gegenstände. Der Einlassung des Angeklagten würdigte Hauburger kaum Beachtung. Diese seien „erstunken und erlogen“, sagte damals der zuständige Ankläger.

Diese Behauptungen umfassten seinerzeit, dass er Johanna nicht töten wollte. Stattdessen sei sie – ohne sein Wissen – im Kofferraum seines VW-Jettas erstickt, nachdem er sie mit mehreren Lagen Klebeband geknebelt hatte. Die Rechtsmedizin rekonstruierte später etwa 29 Umwicklungen mit einem 15 Meter langen Stück Klebeband. Rick J. beteuerte, die Nase habe er bewusst ausgespart. Staatsanwalt Thomas Hauburger ging davon aus, dass die Menge an Klebeband eine Rolle in Rick J.s sexuellen Fantasien gespielt hatte. Der Angeklagte stritt das ab, gab aber zu, dass Fesselungen zu seinen Fetischen gehören.

Erst zu diesem Zeitpunkt sei dem Angeklagten auch bewusst geworden, dass Johanna kein Teenager sei. Anfangs beteuerte Rick J. vor Gericht, der sexuelle Drang, Johanna zu missbrauchen, sei in diesem Moment gestorben – er sei nicht pädophil, nur heranwachsende Teenager erregten ihn sexuell. Dennoch fanden Ermittler auch Kinderpornos in Rick J.s Wohnung.

Später und nur auf Drängen von Staatsanwalt Thomas Hauburger gab er kleinlaut zu: „Ja, ich habe einen ruhigen Ort gesucht, um Johanna zu missbrauchen. Es ist schrecklich zuzugeben, dass man solche Gelüste hat.“

Als er diesen Ort scheinbar gefunden hat, bemerkte Rick J., dass Johanna nicht mehr lebte. „Da wurde mir klar, dass ich die Leiche irgendwie loswerden muss.“ Er legte den leblosen Körper in einem Waldstück bei Alsfeld ab. Einen blauen Gummistiefel des Mädchens, den er im Auto vergessen hatte, warf er auf dem Heimweg an einer Raststätte in einen Mülleimer.

Es sind die detaillierten Beschreibungen eines Mannes, der zugab, Johanna entführt zu haben. Er beteuerte aber stets, das Mädchen nicht vergewaltigt zu haben. Auch die absichtliche Tötung des Mädchens stritt er ab. „Ich war geschockt, weil ich nicht damit gerechnet habe, dass etwas Schlimmes passiert“, sagte er. Sein eigentlicher Plan: „Ein Mädchen betäuben, mich an ihr zu vergehen und sie wieder freilassen.“

Während der Verhandlungstage zeichneten nicht nur die Sachverständigen das Bild eines verstörenden jungen Mannes, der offenbar – auch jenseits sexueller Neigungen – seinen Spaß am Sadismus hatte. So schilderte ein Zeuge, wie ihn Rick J. seinerzeit unter Drogen setzte, um sich an seiner Hilflosigkeit zu ergötzen.

Erst 18 Jahre nach dem Mord an Johanna Bohnacker führte der sogenannte „Maisfeld-Fall“ die Ermittler erneut zu Rick J, der schon damals im Verdacht stand, Johanna getötet zu haben. Mit einer 14-Jährigen wird der Angeklagte im April 2017 bei „sexuell motivierten Fesselspielen“ in einem Feld bei Nidda erwischt. Rick J. behauptet, das Mädchen sei mit allem einverstanden gewesen. Doch Chatverläufe belegen: Er hat sie massiv unter Druck gesetzt. Bei einer Durchsuchung seiner Wohnung finden Ermittler Videoaufzeichnungen der 14-Jährigen. „Die Fesselungen mit Klebeband um Mund und Augen wiesen eindeutig Parallelen zu Johanna auf“, erinnerte sich ein Polizist.

Es folgt die Gründung der Sonderkommission „Johanna“ – ein Ermittlerkreis aus 30 Personen. Ihm oblag neben der Aufarbeitung der bisherigen Erkenntnisse, weitere Hinweise zu finden, die den Tatverdacht gegen den heute 42-Jährigen erhärten würden. Das bedeutete: die Beschattung des Verdächtigen, aber auch neue Untersuchungen der 1999 gesammelten Asservate, insbesondere an jenem Stück Klebeband, auf dem die Beamten damals den Teilfingerabdruck des Täters fanden.

Der Teilfingerabdruck – die „Spur 11“ – überführt Rick J. schließlich. Das Fundstück wurde erneut kriminaltechnisch untersucht und mit den Fingerabdrücken des Beschuldigten verglichen. Sachverständige stellten fest, dass alle erkennbaren Merkmale mit denen des Tatverdächtigen übereinstimmen.

Daraufhin nimmt die Polizei Rick J. im Oktober vergangenen Jahres fest. „Er war anfangs sichtlich aufgeregt, hat gezittert“, berichtete seinerzeit ein Ermittler vor Gericht. Erst habe er wissen wollen, was die Polizei gegen ihn in der Hand habe. „Es hat ihn überrascht, was wir alles über ihn wussten.“ „Ja, Sie haben recht, ich bin verantwortlich“, soll Rick J. seine Aussage begonnen haben.

Seine letzte Hoffnung, doch noch in absehbarer Zeit aus der Haft wieder freizukommen, hat sich mit der Ablehnung der Revision durch den Bundesgerichtshof zerschlagen. „Die auf die Verletzung materiellen Rechts gestützte Revision des Angeklagten hat der 2. Strafsenat des Bundesgerichtshofs durch Beschluss vom 24. September 2019 als unbegründet verworfen“, schreibt das Gericht recht knapp in einer Pressemitteilung. Übersetzt bedeutet dies: Die Karlsruher Richter konnten keine Fehler bei der Rechtsanwendung ihrer Gießener Kollegen erkennen.

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