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Bitterkeit im süßen Geschäft

Wetterauer Zuckerrübentag: Bauern beklagen
unfairen Wettbewerb innerhalb Europas nach der Marktfreigabe

08 Feb 2019 / 14:14 Uhr

Von Jens Kirschner

Wetteraukreis. Mit dem Ende der Zuckermarktordnung im September 2017 wird der Wind für die heimischen Rübenbauern zunehmend rauer. Auf dem jüngsten Wetterauer Zuckerrübentag in Florstadt dominierten die Sorgen über die Schattenseiten der Liberalisierung auf dem Zuckermarkt. Die Bauern protestieren für faire Wettbewerbsbedingungen und fürchten: Selbst in der Europäischen Union verzerren einzelne Mitgliedsstaaten diesen freien Wettbewerb zulasten deutscher Landwirte.

Am Freitagvormittag vergangener Woche stellen sich Wetterauer Bauern in gelben Warnwesten vor der Florstädter Stadthalle auf. Wie so viele andere Interessengruppen machen sie sich die Symbolik der pulsierenden Gelbwestenbewegung in Frankreich zunutze. Man ist versucht zu fragen, wie stark der Umsatz der Hersteller derartiger Warnwesten in den vergangenen Monaten gestiegen ist.

Das Anliegen der Bauern: Fairer Wettbewerb im Zuckermarkt. Denn der Wegfall der Zuckermarktordnung in der Europäischen Union Ende vorvergangenen Jahres bereitet den Bauern mangels Quote und Subventionen aus Brüssel verständlicherweise Sorgen. So sorgt denn auch die Ankündigung von Georg Vierling, Chef der Rohstoffabteilung des Produzenten Südzucker, dass sein Unternehmen die Strategie in seinem Kerngeschäft ändern will, dafür, dass bei einigen Landwirten im Saal die Alarmglocken schellen. Südzucker will Kosten von rund 100 Millionen Euro jährlich einsparen. Ein Betrag, der im Blick auf die Verluste, die Südzucker nach eigenen Angaben derzeit im Zuckergeschäft einfährt, denkbar gering anmutet. „Wir erwarten im laufenden Geschäftsjahr einen Verlust von 150 bis 250 Millionen Euro“, prognostiziert Vierling für die Zuckersparte seines Unternehmens. Ebenso spricht er von einer „strukturellen Reduzierung“ der Produktionskapazitäten um 700 Millionen Tonnen Zucker, zwei seiner Werke will Südzucker zudem schließen. Entsprechend fragt sich ein Bauer, ob das für ihn und seine Kollegen bedeutet, dass auch sie weniger Rüben anbauen sollen. In seiner Antwort bleibt der Südzucker-Mann Vierling vage, er spricht von weiteren Restrukturierungen in anderen Ländern, in denen sein Unternehmen aktiv ist.

Zu diesen gehören auch osteuropäische Staaten. Und diese stellten bereits jetzt ein Puzzlestück des Problems dar, weshalb sich die Zuckerrübenbauern in Bedrängnis sehen. Denn dort ist erlaubt, was der deutsche Staat den Bauern inzwischen untersagt: der Einsatz von Neonicotinoiden, Pflanzenschutzmitteln, die in das Nervensystem von Insekten eingreifen, um Schädlinge abzuwehren. Für Landwirte in Deutschland bedeute dies höhere Produktionskosten, meint der Vorsitzende des Verbands Wetterauer Zuckerrübenbauer, Michael Mehl. „Wir dürfen die Neonicotinoide als Saatgutbeizung nicht mehr einsetzen, was aber in anderen Teilen durchaus erlaubt ist“, sagt der Vereinschef. Selbst die Restbestände behandelten Saatgutes dürften nicht mehr zum Einsatz Kommen. Für die rund 15.000 Anbauer im Einzugsbereich der Südzucker AG bedeute dies: „Wir werfen für 4 Millionen Euro Saatgut in die Mülltonne.“

Doch diese Ungleichbehandlung innerhalb der EU sei nur ein Aspekt, warum der freigegebene Zuckermarkt für Verwerfungen bei den heimischen Zuckerrübenbauern sorge. Darunter: Prämien für den Rübenanbau, in einigen EU-Ländern genauso wie in außereuropäischen Staaten, darunter Indien. Mehls Fazit: „Die EU hat uns die Liberalisierung verordnet, aber sie schafft nicht die Rahmenbedingungen.“ Als Lobbyist für die Rübenbauern bleibt ihm und seinem Verband nur, auf diese Lücke im System bei den Verhandlungen zur EU-Agrarpolitik 2020 hinzuweisen. Und noch an einer anderen Front muss Michael Mehl für die Zuckerrübenbauern kämpfen: Das Ansehen der süßen Kristalle ist unter Beschuss, Zucker gilt als Dick- und infolgedessen als Krankmacher, auch in Kreisen der Politik. „Zucker ist Genuss, Kultur und Geschmack“, meint Mehl und verweist darauf, dass es doch insgesamt um eine ausgeglichene Kalorienbilanz gehe – mit oder ohne Zucker. Negativ formuliert: Die Dosis macht das Gift.

Unterm Strich bleibt das Ergebnis der Rübenernte im vergangenen Jahr positiv: Zwar hätten die hiesigen Bauern nur 65 Tonnen an Rüben ernten können, die jedoch mit einem „Rekordzuckergehalt von 19,7 Prozent“. Und auch trotz der geringen Niederschlagsmenge im vergangenen Jahr seien die Erträge hierzulande noch erträglich gewesen, wenngleich die Ernte um etwa 10 Prozent unter dem Durchschnitt gelegen habe. „So ein Jahr müssen wir auch mal wegstecken können“, meint Mehl.

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