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„Die Entscheidung ist nicht einfach gewesen“

Holm Istas von der Wetterauer Denkmalschutzbehörde zum umstrittenen
Büdinger Bauprojekt zwischen Rentkammer und der Villa Alfred

07 Nov 2018 / 13:41 Uhr

Büdingen. Ein Neubau zwischen der Büdinger Rentkammer und der Villa Alfred sorgt bei Anwohnern und der Politik für Unmut. Offenbar hat sich das städtische Bauamt zu dem Vorhaben nicht geäußert. Die Denkmalschutzbehörde hingegen erteilte dem Projekt – mit Auflagen – ihren Segen. Die GNZ sprach mit deren Mitarbeiter Holm Istas über die Grenzen des Denkmalschutzes und die Gründe, warum der Bauherr seine Genehmigung bekommen konnte.

Von Jens Kirschner

GNZ: Herr Istas, in der Büdinger Bevölkerung herrscht breites Unverständnis über das Einvernehmen der Denkmalschutzbehörden mit einem Bauvorhaben „Am Hain“ unweit des Büdinger Bandhauses. Welche Gründe lagen der Entscheidung zugrunde, das Vorhaben zu genehmigen?

Holm Istas: Überwiegend begleiten wir in dem stark verdichteten und intakten historischen Altstadtbereich Büdingens weniger Neubauten sondern eher möglichst denkmalgerechte Sanierungs- oder Umbaumaßnahmen. Mit Ausnahme des Bandhauses, das aus der Entstehung und ursprünglichen Funktion eher der mittelalterlichen Bebauung der Altstadt von Büdingen zugeordnet werden kann, handelt es sich bei der Bebauung „Am Hain“ um eine Stadterweiterung des 19. und 20. Jahrhunderts, die vorrangig geprägt wird von Villen als Solitäre im Heimat- und Jugendstil.

Auf der einen Seite besteht ein großer Bedarf an Wohnraum. Dieser Bedarf kann für den ländlichen Raum um Ballungszentren eine Chance sein, neue Nutzungen und Eigentümer für Leerstände und für Gebäude mit Sanierungsdefizit zu finden. Die Ausweisung von Neubaugebieten, die nicht immer förderlich sind für den Bestand historischer Ortskerne – ganz zu schweigen von der Versiegelung landwirtschaftlich genutzter Flächen und dem Verlust von Kulturlandschaft – kann kritisch gesehen werden. Wir können uns aber im Umkehrschluss nicht verschließen, wenn eine Nachverdichtung innerhalb eines bebauten Raumes erfolgen soll. Wir haben in der baulichen Entwicklung keinen Stillstand, sondern bekommen Aufgaben und müssen nach geeigneten Lösungen suchen.

Während innerhalb der Stadtbefestigung Büdingens, der historischen Altstadt, eine bauliche Verdichtung ohne Verlust vorhandener denkmalgeschützter Gebäude offensichtlich kaum oder nur begrenzt möglich ist, können wir uns zurecht einem aktuellen Thema wie Nachverdichtung nicht generell verschließen, wenn ausreichender Raum vorhanden ist – auch wenn ein sensibles historisches Umfeld davon betroffen sein kann. Wir müssen in einem solchen Fall eine Abwägung der Belange des Denkmalschutzes und den Rechten und Interessen eines Eigentümers durchführen.

Der Neubau zwischen den Gebäuden der Rentkammer und der sogenannten Villa Alfred ist mit einem konstruktiven Eingriff in die historische Mauereinfriedung aus Sandstein in einer Länge von vier Metern bei einer vorhandenen Länge der Mauer von circa 50 Metern und einer Überbauung der Grenzmauer mit Erhaltung der Grenzmauer in einem verträglichen Umfang verbunden. Es finden keine baulichen Eingriffe in die denkmalgeschützten Gebäude der Rentkammer und der Villa Alfred statt.

Es liegt jedoch eine optische Veränderung und Beeinträchtigung der umliegenden Gebäude vor. Die Villa Alfred und die Rentkammer, werden weiterhin das Straßenbild an dieser Stelle vorrangig prägen. Die Kubatur (der Rauminhalt des Gebäudes, Anm. d. Red.) des Neubaus ordnet sich der Kubatur der imposanten Denkmäler unter.

Das Bandhaus ist im Grunde ein mittelalterliches Gebäude, das sich an der Stadtbefestigung von Büdingen eher der Bebauung innerhalb der Stadtbefestigung zuordnet, in Entfernung zu dem Neubau, der von der Rentkammer aus Richtung des Bandhauses blickend weitgehend überdeckt wird.

Allgemein haben wir an vielen denkmalgeschützten Gebäuden moderne Anbauten und Umbauten, die mit mehr oder weniger Eingriffen in die historische Substanz der Gebäude verbunden sind. Auch auf der Grenze der Villa Alfred in Richtung Rentkammer befindet sich ein historisches Nebengebäude, und an der Villa Alfred erfolgten symmetrisch neue Anbauten. Das neue Wohnhaus wird sich im Grunde zwischen den beiden stattlichen Denkmälern zurücknehmen.

Was wäre für Ihre Behörde ein absolutes Tabu, wenn es bei Bauprojekte um den Denkmalschutz geht?

Grundsätzlich wird von uns im Einzelfall geprüft, welche Auswirkungen mit Eingriffen und Veränderungen durch Umbauten, Einbauten, Anbauten oder auch Neubauten an einem Denkmal oder auch im Umfeld eines Denkmales erfolgen. In der Regel sollte erst gar kein Tabu entstehen.

Es gibt immer Zwischentöne, nicht nur weiß und schwarz. Wir müssen sicherlich auf die individuellen Vorstellung der Eigentümer eingehen. Es gibt Lösungen, die aus unserer Sicht hervorragend für ein Denkmal geeignet sind und solche, die nicht 100 Prozent zufriedenstellend sind und individuell unterschiedlich bewertet werden.

Wer zu uns kommt und die erste Scheu vor dem Denkmalschutz verloren hat, erhält in der Regel eine Beratung. Wir haben einen sehr großen Beratungsbedarf. Die Erfahrung zeigt auch, dass viele, die ein historisches Gebäude – zum Beispiel ein kleines Fachwerkhaus – erwerben, ganz froh sind, wenn sie Informationen zu geeigneten Materialien und Gestaltungen von uns erhalten und nicht bei Null anfangen müssen. Wir befinden uns jetzt wieder in der Sanierung der Sanierung der vergangenen Jahrzehnte.

Aus der Beratung ergeben sich in der Regel Lösungen. Konflikte mit dem Denkmalschutz können entstehen, wenn einfach losgelegt wird und keine Abstimmungen erfolgen oder erforderliche Genehmigungen eingeholt wurden.

Tabu ist, wenn unüberlegt und ohne die nach hessischem Denkmalschutz erforderliche Genehmigung einzuholen, in Denkmäler eingegriffen wird. Wenn in einem Gebäude aus dem 16. Jahrhundert ohne Abstimmung alle historischen Putze abgeschlagen werden und sich dann anhand von Restflächen herausstellt, dass umfangreiche Malereien aus der Renaissance vorhanden waren. Das ist dann unwiederbringlich ein Verlust von 400 Jahren Geschichte und ein Verlust unseres kulturellen Erbes, ohne erfolgte Dokumentation und Erfassung. Denkmalschutz ist laut hessischem Denkmalschutzgesetz im öffentlichen Interesse. Denkmaleigentümer sollten unsere Beratungsmöglichkeiten nutzen.

Welche gestalterischen Vorhaben sind vorliegend ergangen, damit eine Baugenehmigung erfolgen konnte?

Wichtig ist uns die Verwendung der im Umfeld vorkommenden Materialien wie naturrote Biberschwanzziegel, Sandstein, Holzfenster und das Holztor in der Mauer, das die entstandene Lücke in der Mauer schließen muss – das sind relativ anspruchsvolle Materialien. Wir übernehmen nicht die Aufgabe des Architekten. Das Konzept sollte überzeugen. Auch eine „moderne Architektur“ kann im Zusammenspiel mit einem historischen Gebäude eine reizvolle Lösung oder ein spannender Kontrast sein.

Was verspricht man sich von diesen Auflagen für den Denkmalschutz?

Die Auflagen basieren auf einer Prüfung die mit einer entsprechenden Abwägung verbunden ist.

Werden der Bau und sein Fortschritt vom Denkmalschutz daraufhin überwacht, dass der Bauherr die Auflagen auch einhält?

Wir haben die entsprechenden Auflagen gemacht und gehen natürlich davon aus, dass Auflagen eingehalten werden, beziehungsweise, wo erforderlich, die entsprechenden Abstimmungen noch erfolgen. Wir werden uns und haben uns schon von der Umsetzung vor Ort ein Bild gemacht.

Welche Folgen hätte der Bauherr zu befürchten, wenn er Ihre Auflagen ganz oder in Teilen ignoriert?

Wenn kein Widerspruch erfolgte, wovon auszugehen ist, da eine rechtskräftige Genehmigung vorliegt, gehen wir von einer Umsetzung unserer Auflagen aus. Sollten in Teilen oder Gänze Auflagen nicht eingehalten werden, kann je nach Situation ein Baustopp verhängt werden. Es können nach Anhörung und Prüfung entsprechende Verfahren eingeleitet werden, die gegebenenfalls ein Bußgeld oder sogar auch einen Rückbau vorsehen.

Auch eine nachträgliche Genehmigung ist nicht grundsätzlich auszuschließen, wenn Änderungen seitens der zuständigen Stellen genehmigungsfähig sind.

Das kann für einen Eigentümer mit Kosten verbunden sein. Wir hoffen das solche Schritte nicht notwendig werden. Es ist nicht unüblich wenn im laufenden Bau Änderungsvorschläge oder Erfordernisse auftauchen, die eine Änderung der Planung beinhalten. Das ist dann zu prüfen. Wir empfehlen eine ausreichende Information und Kommunikation.

Wo liegen für Bauherren die Grenzen dessen, was er in Büdingen an dieser Stelle bauen kann?

Wir hatten den hier diskutierten Antrag zu prüfen und antragsbezogen zu entscheiden. Bei der erteilten Genehmigung des Neubaus wurde die Grenze ausgeschöpft, mit dem, was hier genehmigt wurde.

Die Untere Denkmalschutzbehörde ist nicht alleiniger Entscheidungsträger in einem Genehmigungsverfahren. Die Planungshoheit liegt im Grunde bei einer Stadt oder Gemeinde. Dem Neubau wurde von allen beteiligten Behörden zugestimmt und er ist entsprechend rechtskräftig.

Es kann sinnvoll und hilfreich sein, wenn mittels einer Bauleitplanung Strukturen und Grenzen einer möglichen Nachverdichtung geregelt werden. Dieses Instrument kann durch Städte und Gemeinden mit entsprechender Planungshoheit angewandt werden. Auch eine Gestaltungssatzung kann hilfreich sein.

Wie groß ist der Beurteilungsspielraum für den Denkmalsschutz in solchen Angelegenheiten?

Es findet eine Einzelfallentscheidung statt, für die das Einvernehmen mit dem Landesamt für Denkmalpflege Hessen herzustellen ist. Wir verstehen, dass die Entscheidung für den Neubau unterschiedlich betrachtet wird. Die Entscheidung ist nicht einfach gewesen.

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