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Die Hoffnung stirbt zuletzt

Führungskrise beim Büdinger Carneval Club: Verbliebener
Vorstand hofft doch noch auf Nachfolger aus den eigenen Reihen

11 Jul 2019 / 16:26 Uhr

Von Jens Kirschner

Ein wenig wie in der Schule: Wenn eine unliebsame Tafelaufgabe droht, übt sich die Klasse in höflicher Zurückhaltung. Im Unterrichtsgeschehen kann der Lehrer einen „Freiwilligen“ von der Herde trennen und an die Tafel bitten. Im Vereinsleben freilich geht das eher schlecht.

Als am Mittwoch vergangener Woche das altgediente Senatsmitglied Dieter Kosch als Wahlleiter nach Vorschlägen für das Amt des Vorsitzenden fragte, herrschte unter den anwesenden Mitgliedern des Büdinger Carneval Clubs (BCC) Schweigen. Anders gesagt: Ganz nach vorne, an die Spitze der Vereinsführung, drängte es niemanden. Genauso wenig wie einen Schüler an die Tafel. Und Streber waren auch nicht in Sicht. Wahlleiter Kosch warnt: „Ich glaube, es muss jedem bewusst sein, dass wir dann in den nächsten 15 Minuten das Buch zumachen.“ Das Senatsmitglied betont, dass viele nach dem vergangenen Krisenjahr mit viel Herzblut die Jubiläumskampagne zum 55-jährigen Bestehen organisiert hätten. Doch auch der Grund, warum es 2018 zu Rück- und Austritten kam, „die Schmierereien in der Zeitung“, wie Kosch jene Beiträge bezeichnet, die thematisierten, dass es im Verein ordentlich rumorte. Geschossen hatten einzelne Mitglieder anonym gegen die damalige Vorsitzende Daniela Gerth. Die hatte zur vorangegangenen Kampagne einen Vertrag über die Veranstaltungstechnik geschlossen. Diesen in gutem Glauben, das Salär für den Auftragnehmer umfasse die kompletten Veranstaltungen. Tatsächlich waren es aber Beträge pro Tag. Den Verein traf dieser Umstand schmerzlich, ein Umstand, den einige zum Anlass nahmen, das Feuer auf Gerth freizugeben. Es war wohl eine Minderheit, die sich darum bemühte, die Vorsitzende zu beschädigen. Ein Großteil der Mitglieder stellte sich hinter Daniela Gerth. Die jedoch trat ob ihres Fehlers vom Amt der Vorsitzenden zurück.

Und auch derzeit steht der Büdinger Carneval Club mit seinen derzeit 313 Mitgliedern wieder ohne Vorsitzenden oder Stellvertreter da. Nachdem die bisherige Vereinschefin – Gerths Nachfolgerin Diana Kelly – am Mittwoch vergangener Woche ihr Amt niederlegte, fand sich niemand, der ihr nachfolgen wollte. Auch niemand, der einem künftigen Vorsitzenden als Stellvertreter zur Seite stehen wollte.

Um es vorwegzunehmen: Der Umstand, dass wesentliche Teile des geschäftsführenden Vorstands vakant sind, führt noch nicht automatisch dazu, dass der BCC automatisch auf die Auflösung zusteuert. Selbst, wenn sich zur kommenden außerordentlichen Hauptversammlung erneut niemand aus den Reihen der Mitglieder findet, bleibt der Verein im Grunde bestehen, ist aber nach außen handlungsunfähig.

Ein Anker wäre ein Notvorstand, den das zuständige Amtsgericht bestellen müsste. Voraussetzung hierfür ist jedoch ein Antrag, der das Gericht damit beauftragt, ein solches Notgremium einzusetzen, um die Geschäfte des Vereins zu übernehmen. Berechtigt, sich bei Gericht um einen solchen zu bemühen, sind neben den Mitgliedern auch all jene, die rechtliche Forderungen gegen den BCC geltend machen, also unter anderem Gläubiger der Gemeinschaft.

Die Möglichkeiten des Amtsgerichts, aus eigenem Antrieb – also von Amts wegen – einen Notvorstand zu berufen, sind begrenzt – auf jene Fälle, in denen im Vereinsregister für die Vereinsleitung über Jahre Namen verzeichnet sind, die schon lange nicht mehr die Geschäfte des Vereins führen.

Viel Arbeit und Organisation stecken hinter der Vorstandsarbeit. Und dieses Pensum wird offenbar gerade von der Vorsitzenden erwartet. Etwas, das Diana Kelly auch im Blick auf das Jubiläum, nicht mehr leisten konnte, wie sie berichtet. „Es wäre vielleicht anders gelaufen, wenn wir zu zweit dort oben gesessen hätten“, meint Kelly und spielt dabei auf ihren bisherigen Ko-Chef Manfred Scheid-Varisco an. Auch der war im vergangenen Jahr unter der Räder anonymer Kritik geraten, nachdem bekannt wurde, dass dem Elferrat der Jubiläumssitzung auch Mitglieder befreundeter Karnevalsvereine angehören sollten. Für Außenstehende ein unscheinbarer Schritt, für gestandene Karnevalisten ein Affront. Es hagelte erneut Vorwürfe, Scheid-Varisco schmiss hin. Kelly wiederum betont, dass sie selbst während ihrer Amtszeit keinerlei Anfeindungen ausgesetzt gewesen sei.

Dass sich vergangene Woche niemand fand, der sich bereit erklärte im Vorstand Verantwortung für den BCC zu übernehmen, überraschte Kelly dann aber doch. Viel Arbeit steckt hinter dem Amt, sicher. Aber gerade von den jüngeren Mitgliedern hatte man sich, auch unter den altgedienten Mitgliedern, offenbar mehr versprochen. Schon bei einem Helferabend im Juni, bei dem sich die Vereinsführung für die Hilfe der Mitglieder bei der Jubiläumskampagne bedanken wollte, habe Kelly ihre Entscheidung bekannt gegeben – in der Hoffnung, dass sich bis Anfang Juli dadurch jemand finden würde, der ihr nachfolgt. Doch von der ausgesprochen großen Motivation während der Veranstaltungen in diesem Jahr ist im Blick auf die Vorstandsnachfolge nicht viel übrig geblieben. „Es will keiner Verantwortung übernehmen“, konstatiert Kelly und kann sich nur damit trösten, dass es auch anderen Vereinen in dieser Hinsicht nicht besser geht.

Am Freitag berichtete der Kreis-Anzeiger, dass sich Büdingens Bürgermeister Erich Spamer bereit erkläre, den seit Mittwoch vakanten Vorstandsposten zu übernehmen – vorübergehend, bis sich ein neues Führungsgespann gefunden hat. Bereits am Mittwochabend war Spamer, der erschien, nachdem Dieter Kosch den Wahlgang unterbrochen hatte, um den Mitgliedern Gelegenheit zu geben, in sich zu gehen, mit verschiedenen Altgedienten im Gespräch, um sie davon zu überzeugen, den Posten doch zumindest vorübergehend zu übernehmen. Anscheinend ohne Erfolg. Inzwischen will Spamer selbst antreten – gemeinsam mit zwei anderen Mitstreitern, wie er dem Kreis-Anzeiger sagte. Wer diese sind, bleibt unklar, nicht einmal die verbliebenen Vorstandsmitglieder, darunter Rechner und Schriftführerin, wissen Konkretes über die Pläne des Bürgermeisters.

Ob die tatsächlich zum Tragen kommen, ist offenbar nur noch Nebensache. Die Hoffnung, vor allem die jüngeren Mitglieder werten den ergebnislosen Ausgang der jüngsten Mitgliederversammlung als Warnschuss, keimt. Denn klar ist: Keiner der Karnevalisten will seinen Verein nach 55 Jahren am Ende sehen. Und gerade unter den Jüngeren gebe es inzwischen Gespräche, wer sich künftig im Vorstand engagieren möchte, wie der Rechner des Vereins, Thomas Clemente, berichtet. Auch andere Stimmen aus dem Verein sind guter Dinge, dass sich in den kommenden drei Wochen Mitglieder finden, die bereit sind, für ihren Verein Verantwortung zu übernehmen und, bildlich gesprochen, sich doch zu bequemen, nach vorne an die Tafel zu gehen, den Griffel in die Hand zu nehmen und den BCC dauerhaft aus seiner Führungskrise zu befreien. Zu wünschen wäre es dem Verein.

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