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Und trotz allem was hängengeblieben

Der nicht immer einfache Versuch, Schüler vom Lesen zu begeistern

20 Feb 2019 / 13:48 Uhr

Von Jens Kirschner

Büdingen. Die Stiftung Lesen schickt sich seit 1988 an, die Lesekompetenz von Kindern und Jugendlichen in Deutschland zu stärken, deren eigene Lust am Lesen zu wecken. In Büdingen machte eine deren Botschafter in der Schule am Dohlberg Station, in einem eher schwierigem Umfeld.

Wer heute im hier im Kreis steht, macht dies nur zum Teil aus freiwilligen Stücken. Zwölf Jungen und Mädchen der Schule am Dohlberg haben sich für ihren Wahlpflichtunterricht dazu entschieden, und deswegen stehen sie an diesem Vormittag im Kreis. Die Achtklässler sind schon optisch in ihrer Entwicklung grundverschieden: Einige wirken noch buben- oder mädchenhaft, anderen kann man bereits ansehen, dass die Hormone bei ihrer körperlichen Entwicklung längst zugeschlagen haben.

In der Aula der Büdinger Schule am Dohlberg stehen sie in besagtem Kreis und lassen sich von Stefanie Salomon befragen. Die 38-Jährige begleitet die Schüler an diesem Morgen auf ihrem Weg zum Lesescout. Sie sollen künftig Multiplikatoren fürs Lesen sein, anderen Lust darauf machen, auch mal zum Buch zu greifen.

Doch bei der Abfrage der eigenen Lesegewohnheiten in diesem Kreis muss Ernüchterung eintreten: Ein Lieblingsbuch vermögen von zwölf Teilnehmern nur zwei zu nennen, die wenigsten greifen lieber zum Buch als zur Fernbedienung – von der Zeitung ganz zu schweigen. Und wenn es nicht gerade um Comics – etwas hochwertiger auch als Graphic Novels bezeichnet – geht, müssen sich Verlage wohl keine großen Hoffnungen machen, sich an diesen Jungen und Mädchen eine goldene Nase zu verdienen.

Für die Seminarleiterin Stefanie Salomon von der Stiftung Lesen ist dieser Umstand ungewohnt. Sie gesteht, dass sie während ihrer Seminare meist eher lesebegeisterten Schülern gegenübersteht. Doch auch, wenn sich bei der Fragerunde herausstellt, dass nur ein Bruchteil der Teilnehmer sich überhaupt gerne und freiwillig dem gedruckten Wort widmet: Bockig ist keiner in dieser Gruppe, alle machen bereitwillig mit beim Programm, das ihnen Salomon liefert.

Für den Wahlpflichtunterricht haben sich die Schüler bei Lehrerin Brigitte Hartmann verpflichtet. Entsprechend drehen sich die ersten Fragen an diesem Morgen auch oftmals um Organisatorisches: wann der Unterrichtstag endet und ob sie es dann noch zum Bus nach Hause schaffen. Als der Schulleiter kurz hereinschaut, schallt es „Guten Morgen, Herr Michel!“.

Bei Hartmann haben sich die Schüler nicht nur zur Teilnahme an diesem Kurs verpflichtet. Ebenso kümmern sich die Achtklässler zeitweise um die Schulbibliothek und nehmen gemeinsam mit einer Lehrkraft die Ausleihen und Rücknahmen vor. Hier seien es vor allem die Guinessbücher, aber auch die Comics, die vorrangig von den Schülern gegriffen würden, berichtet die Lehrerin für Arbeitslehre und Kunst. Hauptsache viele Bilder. In die Bibliothek fließen viele Zuwendungen des Fördervereins der Schule.

Sie soll, schildert Hartmann, auch eine Aufenthaltsmöglichkeit für Schüler bieten. Aber: nicht zum „Chillen“, wie ein Schild an der Eingangstür mahnt. Das Wort – zu den Schulzeiten des Autoren dieser Zeilen eher unter Kiffern verbreitet – ist inzwischen im jugendlichen Sprachgebrauch fest verwurzelt. Kurzum: Willkommen ist hier jeder, aber zum Arbeiten, zum Lernen und zum Austausch – nicht zum Rumhängen.

Brigitte Hartmann macht sich keine Illusionen darüber, dass sie mit ihren Schülern eine neue Generation an Leseratten heranzieht. Umso mehr mutet es komisch an, wenn die Gruppe bei den nächsten Spielen in eben jene „Leseratten“ und „Bücherwürmer“ aufgeteilt wird. Die Aufgabe der Gruppen: einen Stapel Bücher alphabetisch nach den Autoren ordnen. In einem zweiten Schritt das Gleiche, aber stattdessen nach dem letzten Buchstaben im Klappentext der Werke.

Fragt man Stefanie Salomon, ist die Situation an diesem Morgen zwar eine andere, als wenn sie lesebegeisterten Schülern begegnet, aber dennoch nicht entmutigend. In einer Zeit voller Medienkonkurrenz glaubt sie auch weiterhin an den Bestand des Buches, sei es gedruckt oder in seiner elektronischen Form. „Ich gehe immer aus den Workshops raus und habe das Gefühl: Da ist trotz allem irgendwie was angekommen“, sagt die Literaturwissenschaftlerin.

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