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Die Orgel von St. Michael geht auf Reisen

Nach 40 Jahren wurde das Instrument aus der mittlerweile geschlossenen Kirche abgebaut

23 dic 2021 / 17:25 Uhr
Bad Orb (ez). Das musikalische Herz von St. Michael, die große Klais-Orgel, hat sich auf den Weg nach Polen gemacht. Über 40 Jahre füllte das Instrument mit seinem Klang die Kirche. Stück für Stück müssen die Bad Orber Abschied von St. Michael nehmen. Schon seit einigen Jahren wird hier kein Gottesdienst mehr gehalten. Aus Sicherheitsgründen wurde die 1964 eingeweihte Kirche 2016 auch wegen des baufälligen Glockenturmes, von dem sich Betonbrocken lösten, geschlossen.

Seit Jahren reicht die Pfarrkirche St. Martin, zu deren Entlastung das zweite Bad Orber katholische Gotteshaus einst gebaut wurde, platzmäßig aus. Da St. Michael auch künftig nicht mehr als Gotteshaus genutzt werden wird, steht die Profanierung an. „Wir sind auf der Suche nach der Möglichkeit einer Umnutzung, die der Würde des Gebäudes entspricht“, sagte Pfarrer Stefan Kümpel bereits vor vielen Monaten. Im Frühjahr 2021 wurde zunächst mit großem Aufwand das Turmkreuz herabgeholt, und am darauffolgenden Tag zogen die beiden Glocken nach St. Martin um. Wenig später fiel der Turm bei den Abbrucharbeiten.

Für viele Bad Orber ist es schmerzhaft, den Abschied von ihrer Kirche erleben zu müssen. Zahlreiche Ältere erinnern sich noch an den Neubau der Kirche, den sie als Kinder oder junge Menschen persönlich erlebt haben. Eingeweiht wurde die Michaelskirche im Mai 1964 – damals noch ohne Orgel. „Das Instrument der Bonner Firma Klais wurde erst rund zehn Jahre nach der Kirchenweihe fertiggestellt. Davor gab es nur ein kleines Interimsinstrument“, berichtet der Regionalkantor Thomas Wiegelmann.

Der Kirchenführer beschreibt die Orgel mit 1360 Pfeifen, 21 Registern, zwei Manualen und einem Pedal. Im Zuge der Aufgabe des Kirchengebäudes als Ort der Liturgiefeiern mussten auch Überlegungen angestellt werden, was mit der Orgel passieren soll. Die Tage der Orgel waren daher gezählt. „Ein fast schon sicher gewähnter Verkauf der Michaels-Orgel an eine Gemeinde in Frankfurt scheiterte, daher wurde über den größten Orgelhändler in Europa, die Firma Ladach aus Wuppertal, ein Verkauf nach Polen vermittelt“, erklärt Wiegelmann. Die Orgel der St. Michaelskirche werde ihren 50. Geburtstag in Oberschlesien erleben und in der Pfarr- und Wallfahrtskirche „Unserer Lieben Frau und des heiligen Bartholomäus“ in Piekary Śląskie im Erzbistum Kattowitz künftig ihren Dienst zur Ehre Gottes tun.

Der Ausbau des Instruments erfolgte durch polnische Orgelbauunternehmen. In der Woche vor dem vierten Advent begann das Fachunternehmen unter der Leitung des Orgelbauers Marian Majcher aus Krakau mit der Demontage. Die Pfeifen wurden verpackt, das Gehäuse entkernt. Majcher und sein Team zerlegten die Orgel Stück für Stück und sicherten die Teile. Jeder Handgriff saß.

Nach wenigen Tagen konnte die „Königin der Instrumente“, wie die Orgeln mit ihren prächtigen Ausstattungen und ihrer Größe seit Jahrhunderten genannt werden, reisefertig in einen großen Lkw geladen werden. Auch hier ging alles Hand ín Hand und wie geschmiert. Am Abbau waren zwei polnische Orgelbaufirmen beteiligt.

Der Orgelbauer Majcher von der Fa. „In Plenum PL“ erklärte im Gespräch, dass er in den vergangenen 30 Jahren rund 600 Orgeln in Großbritannien, den Niederlanden, Norwegen und Deutschland abgebaut hat. Einen Teil der Instrumente hat er auch in Frankreich, Italien und sogar in Portugal wieder mit aufgebaut. Die meisten Instrumente gingen wohl nach Polen.

Vor dem Einbau in der polnischen Kirche steht noch eine umfangreiche Generalüberholung an. Majcher rechnet damit, dass die Orgel auf jeden Fall zu Weihnachten 2022 wieder erklingen wird.

Kantor Wiegelmann hofft, „dass unsere „alte“ Klais-Orgel aus der Michaels-Kirche noch lange ihren Dienst zum Lobe Gottes und zur Freude der Menschen tun kann.“ Die neuere Klais-Orgel aus dem Jahr 1987 erklingt in der alten Pfarrkirche St. Martin.

„Es ist traurig, dass wir stückweise Abschied nehmen müssen von unserer Kirche, was jetzt am Abbau der Orgel deutlich wird“, bedauerte Pfarrer Stefan Kümpel; „aber ich bin froh, dass sie in einer anderen Kirche weiter beim Gottesdienst erklingen wird. Es war ein Glücksfall, dass wir eine Gemeinde gefunden haben, in deren Kirche unsere Orgel zentimetergenau hineinpasst.“

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