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Vogelfrei über Umwege nach Westen

Waltraut Ochsenhirt aus Mernes erinnert sich an die Flucht aus dem Sudetenland

19 Mrz 2021 / 18:17 Uhr
Bad Soden-Salmünster-Mernes (bak). „Ich habe noch nie so lange an einem Ort gelebt, wie in Mernes.“ Waltraut Ochsenhirt, heute 87 Jahre alt, kam 1993 in das kleine Dorf am Spessart. Hier fühlt sie sich sehr wohl. Zuvor hatte Waltraut Ochsenhirt als Sozialpädagogin die Wohnstätten des Behindertenwerks in Marjoß geleitet und davor lebte sie mit ihrer Familie in Schlierbach. Waltraut Ochsenhirt erinnert sich noch lebhaft an ihre Kinderzeit im Sudentenland, an die letzten Kriegsmonate 1945 in Karlstift im Waldviertel und an die Flucht der Familie nach Wien und die spätere Übersiedlung nach Deutschland. Waltraut Ochsenhirt hatte sich noch in Karlstift aus einigen unbeschriebenen Papierblättern selbst ein kleines Heftchen gebastelt, in dem sie die Daten der Flucht notierte. Dieses Heftchen besitzt sie noch heute.

Am 10. Mai 1945 fuhr ein Jeep mit rotem Stern auf der Flagge und vier Männern in bräunlich-grüner Uniform vor. Russische Soldaten schleppten neben ihrem Gepäck Beutestücke mit sich. Die Hauswand wurde mit schwarzer Farbe und dem Begriff „vogelfrei“ in russischer Sprache beschriftet. „Ich dachte, das kann nicht so schlimm sein, aber es bedeutete: zum Plündern freigegeben.“ Waltraut Ochsenhirt lernte damals sowohl plündernde als auch helfende Russen kennengelernt.

Das Bild ihres mit Maschinengewehren bewachten und abgeführten Vaters prägte sich Waltraut Ochsenhirt für immer ein.

Die 18-jährige Haushaltshilfe Gretel wurde mit einem abgetragenen langen Kleid, einem Kopftuch, unter dem graue Haare aus Schafwolle hervorlugten und einigen roten Flecken im Gesicht als Zeichen einer Krankheit, in eine unansehnliche, ältere Frau verwandelt. „Sobald die Russen den Gartenweg entlang kamen, musste ich mit ihr durch eines der niedrigen Küchenfenster springen, um uns in der nebenanliegenden Gastwirtschaft Sengsbradel im Schuppen hinter einer Holzwand zu verstecken.“

Mehr dazu lesen Sie in der GNZ vom 20. März.

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