SUCHE

Von Schlierbach nach Paris

Volker Kirchner forscht zur Schlierbacher Dorfgeschichte des Jahres 1903

23 dic 2021 / 17:46 Uhr
Brachttal-Schlierbach (re). Eine Postkarte aus dem Jahr 1903 nimmt der Heimatforscher Volker Kirchner zum Anlass für seine Nachforschungen. Sie wurde von Schlierbach nach Paris verschickt, enthält wenig Text und dokumentiert doch das Zeitgeschehen und den Geist jener Zeit.

Eine Postkarte aus dem Verlag von Joseph Höhn, Schlierbach, ging am Montag, 11. Mai 1903, aus Schlierbach auf die Reise nach Paris in die Rue St. Honoré. Sie kam am 12. Mai dort an. E. Willmann adressierte sie an seine Freunde, Monsieur und Madame Girbal, Hausnummern 420 und 422, sehr prominent gelegen zwischen Concorde und Opéra. Willmann war wohl Geschäftsreisender in Sachen Keramik, der einen Besuch in der Wächtersbacher Steingutfabrik machte.

Hobbyhistoriker Volker Kirchner entdeckte die Postkarte vor einiger Zeit im Handel.

Der Absender der Karte schreibt, er sei in Frankfurt von Hugo Enger (seit 1894 im Büro der Wächtersbacher Steingutfabrik) empfangen worden und wolle am Nachmittag die Steingutfabrik besuchen. Morgen reise er nach Hanau und Donnerstag von dort mit seinem Schwager nach Berlin.

Die Wächtersbacher Steingutfabrik hatte seit den 1890er Jahren Vertretungen in etlichen europäischen Ländern und in den USA: Musterlager in Leipzig, Berlin, Hamburg, Wien – dort hatte die Wächtersbacher Steingut bereits 1873 zur Weltausstellung ihre Produkte präsentiert – und Paris (Rue de Paradis 4, später Rue Bleue 13). Vertretungen waren in Kopenhagen, London, Mailand, Bukarest, Moskau, Warschau, Konstantinopel (Istanbul), Madrid.

Dementsprechend weltläufig waren auch die Besucher in Schlierbach: Ab den 1890ern sind Geschäftsreisende aus England, Schweden, Böhmen, Berlin, New York und Paris in der Fabrik keine Seltenheit.

Rub-Leprince in der Rue de Paradis 4, das ist eine der beiden Pariser Glas- und Keramikwarenstraßen, hatte über Jahre die Vertretung für die Wächtersbacher Steingutfabrik für Frankreich. Wohl 1902, mit dem Eintritt von Direktor Dr. Max Ehrlich in die Schlierbacher Fabrik, endete diese Geschäftsbeziehung. Erst 1908, mit der schimpflichen Entlassung Ehrlichs, erscheint wieder eine Agentur in Paris.

Willmann hatte also guten Grund für seinen geschäftlichen Besuch in Schlierbach im Frühjahr 1903. Viel Zeit wandte Dr. Ehrlich für den Besucher aus Paris sicher nicht auf, denn er steckte tief im Reichstagswahlkampf für den konservativen Kandidaten. Birstein und Schlierbach erlebten in der ersten Hälfte dieses Maies Kundgebungen mit hunderten Teilnehmern.

Die idyllische Postkarte, die Willmann nach Paris sandte, stammt aus dem Verlag des Joseph Höhn in Schlierbach. Höhn war Maler und Feldscher (militärischer Wundarzt). Er kam aus Schney, heute ein Stadtteil von Lichtenfels, zwischen Coburg und Bamberg in der Porzellanregion gelegen. 24 Jahre alt war Höhn, als er in die Wächtersbacher Steingutfabrik eintrat. 1886 heiratete er, eine Tochter kam zur Welt und Höhn baute ein Haus in Schlierbach.

Seine Postkarte zeigt die 1865 geweihte neue Schlierbacher Kirche, die im März 1898 eingeweihte neue Schule, dazu die Steingutfabrik und eine Übersicht über den Ort, von Westen aus gesehen mit realistischer Gruppierung der Häuser. Auch die Kleinbahn nahm Höhn in das Bild auf. Der Ort zeigt sich ruhig und sympathisch. Es gärte jedoch im Mai 1903 in Schlierbach und der Steingutfabrik. Im März hatte Direktor Dr. Ehrlich Lohnreduzierungen veranlasst. Die gewerkschaftlich organisierten Arbeiter formierten sich und drohten mit Streik. Joseph Höhn gehörte zu den 250 Arbeitern, die vom 19. Oktober 1903 bis zur Kapitulation am 25. Juni 1904 in den Ausstand traten. Die Atmosphäre in Schlierbach sollte sich für Jahre vergiften. Dr. Ehrlich ging rücksichtslos gegen die Streikenden vor: „Ich gehe vier Wochen ins Bad (Bad Nauheim). Wenn ich wiederkomme, wird schon die Hälfte (der Streikenden) verhungert sein.“

Kirchner beschreibt in seiner 2004 erschienenen Dokumentation zum Schlierbacher Streik 1903/04 die wohl größte, sicher jedoch bedeutendste Weihnachtsfeier in Schlierbachs Geschichte: Im Dezember 1903 initiierten Hanauer Gewerkschafter eine Bescherung für 496 Kinder der Streikenden im Saal des „Frankfurter Hofes“ von Leonhard Creß. Vier Kinder des Postkartenverlegers Höhn nahmen an dieser Weihnachtsfeier teil. Adam Piepenbring aus Weilers, Urgroßvater von Volker Kirchner, nahm mit seiner Tochter Henriette, fünf Jahre alt, an der Feier teil. Er verlor, wie vier weitere Streikende, sein Haus infolge des Arbeitskampfes.

Weitere Meldungen aus der Region
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4

Schlagwörter: