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CDU kehrt wieder an die Spitze zurück

Neue Wählergemeinschaft „Die Freigerichter“ landet bei der Gemeindewahl gleich auf dem dritten Rang.
UWG verliert deutlich. Grüne freuen sich über ihr bestes Resultat. SPD rutscht auf 13,9 Prozent ab.

15 Mrz 2021 / 23:15 Uhr

Die ganz große Überraschung ist bei der Gemeindewahl in Freigericht doch ausgeblieben. Nach dem Trendergebnis aus der Wahlnacht hatte die neue Wählergemeinschaft „Die Freigerichter“ (DF) sogar auf Kurs für den Spitzenrang gelegen (die GNZ berichtete). Nach dem vorläufigen Endergebnis, das erst gestern Abend vorlag, stellt jedoch die CDU mit 24,1 Prozent nach 2011 wieder die stärkste Kraft mit neun Sitzen, dicht gefolgt von der UWG mit 22,4 Prozent (acht Sitze). Die Unabhängige Wählergemeinschaft konnte ihr Allzeithoch von 2016 mit 35,1 Prozent nicht annähernd halten. DF holt aus dem Stand 21,8 Prozent und bildet fortan mit ebenfalls acht Sitzen die drittstärkste Fraktion. Die SPD, die mit Dr. Albrecht Eitz seit Anfang 2019 den Bürgermeister stellt, lässt überraschend deutlich Federn und landet mit 13,9 Prozent nur auf dem letzten Platz – das reicht nur für fünf Mandate. Dafür legen die Grünen deutlich zu und feiern mit 17,9 Prozent und sieben Sitzen ihr bestes Resultat bei einer Kommunalwahl in Freigericht. Es gilt weiterhin, um eine Mehrheit im Gemeindeparlament zu bilden, muss eine mögliche Koalition mindestens aus drei Fraktionen bestehen. Die Wahlbeteiligung lag mit 55,9 Prozent leicht über der von 2016. Damals hatten 53,8 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme abgegeben.

Anders als in der Nachbarkommune Hasselroth (siehe folgende Seite) war der Verlauf der Freigerichter Gemeindewahl spannend bis zur Auszählung des letzten von sechs Briefwahlbezirken. „Es war ein richtiger Krimi“, verglich CDU-Fraktionschef Florian Altmann im Gespräch mit der GNZ. Ausgehend vom Trend, der nur auf den reinen Listenkreuzen basiert hat, beobachtete er gestern, wie die Union im Zuge der Auszählung der ausstehenden Briefwahlstimmen immer weiter nach oben kletterte. Zwar konnten die Christdemokraten mit den Wahlbezirken Briefwahl I Somborn und Briefwahl Neuses am Ende nur zwei Bezirke für sich entscheiden, doch blieben mit Ausnahme der Wahllokale Somborn II und Altenmittlau (jeweils um 14 Prozent) die Ausreißer nach unten aus.

Unterm Strich war Altmann deshalb in Anbetracht der herrschenden Umstände in Bund und Land, wo es derzeit viel Gegenwind für die CDU gebe, durchaus zufrieden mit dem erreichten Ergebnis. „Natürlich hätten wir gerne wieder 30 Prozent plus gehabt“, betont der Vize-Parteichef im gleichen Atemzug. Allerdings habe es die neue Wählergemeinschaft „Die Freigerichter“ auf Anhieb sehr gut verstanden, über populistische und reißerische Forderungen, ihre Wähler zu mobilisieren. Ganz bewusst hat die Union nach Angaben von Altmann beim anhaltenden Streit über die Abschaffung der Straßenbeiträge in Freigericht mit ihrem Fakten-Check eine andere Position vertreten.

Besonders stolz sind die Freigerichter Christdemokraten auf ihre junge Spitzenkandidatin Celine Brückner, die sich auch nach Kumulieren und Panaschieren auf dem ersten Listenplatz behaupten konnte. „Das spricht für sie, ihre harte Arbeit im Wahlkampf und ihren Bekanntheitsgrad in der Gemeinde“, analysiert Altmann. Nach dem Neuanfang vor mehr als zwei Jahren lautet seine Devise, in der kommenden Legislaturperiode mehr Kontinuität in der Fraktion zu erreichen. Im vergangenen Jahr hatten die Austritte von Carmen und Klaus Brönner sowie Beate Weber, die dann die Fraktion „Die Freigerichter“ bildeten, für viel Unruhe gesorgt und den Verlust von drei Mandaten. Bereits in den nächsten Tagen will sich die neue CDU-Fraktion zusammenfinden. „Wir haben sehr gute Leute dabei“, freut sich Altmann auf die Zusammenarbeit. „Die Lage im Gemeindeparlament hat sich kaum verändert“, stellt Altmann zu den alten und neuen Machtverhältnissen fest. Demnächst werde die Union Gespräche mit der UWG und SPD führen, um eine weitere Kooperation in wichtigen Eckpunkten auszuloten. Allerdings sei man auch für einen Austausch mit den Grünen und DF offen, sofern Realismus bei der Haushaltspolitik betrieben wird. Als stärkste Fraktion erhebt die CDU naturgemäß Anspruch auf den Posten des Vorsitzenden der Gemeindevertretung. In dieser Rolle kann sich Altmann sehr gut den Ex-Landtagsabgeordneten Hugo Klein vorstellen. Er habe sich zuletzt mit seiner freundlichen und sachlichen Art in der Stellvertretung von Herbert Huth (UWG) großes Ansehen bei allen Fraktionen erworben. Auf eine verlässliche und enge Zusammenarbeit baut Altmann auch nach wie vor mit Bürgermeister Eitz angesichts des geforderten Krisenmanagements in Corona-Zeiten. Diese Marschroute gilt zumindest bis zur nächsten Bürgermeisterwahl im Herbst 2024.

„Wir sind noch einmal mit einem blauen Auge davongekommen“, ordnet UWG-Fraktionsvorsitzender Gerhard Pfahler das Ergebnis ein. Nach dem Trendergebnis von 19,75 Prozent hatte er schlecht geschlafen. Das herausragende Resultat aus dem Jahr 2016 sei vor allem aus drei Gründen nicht zu halten gewesen: Erstens waren damals viele konservative Protestwähler von der CDU zur UWG gewechselt. Nach der Neuausrichtung der Union vor mehr als zwei Jahren sind sie nun zurückgewandert. Zweitens profitierte die Wählergemeinschaft damals noch vom Amtsbonus von Bürgermeister Joachim Lucas, der auch auf der Liste kandidierte. Drittens haben „Die Freigerichter“ bei ihrer erfolgreichen Premiere dank eines engagierten Wahlkampfs Stimmen erobert. Von deren starken Abschneiden zeigte sich Pfahler – ebenso wie Altmann – überrascht. Beide hatten eher mit vier oder fünf Sitzen für DF gerechnet, nicht aber mit acht Sitzen. „Das ist eine große Leistung“, sagt Pfahler anerkennend. Zu wenig habe die UWG vielleicht über ihre Leistungen der vergangenen fünf Jahre gesprochen, beispielsweise die schwierige Konsolidierung der Gemeindefinanzen.

„Wir waren zwar in der Straßenbeitrags-Debatte immer offen, aber es fehlte der direkte Kontakt zum Wähler“, resümiert Pfahler zum Wahlkampf unter Corona-Bedingungen. Während andere Parteien und die neue Wählergemeinschaft im Internet auf Facebook und Instagram sehr aktiv waren, habe die UWG bei ihren Bewerbern erst Überzeugungsarbeit leisten müssen, um Videos zu produzieren. Ein weiterer möglicher Grund für ein schlechteres Abschneiden seien die ausgeschiedenen Leistungsträger der vergangenen Jahre, etwa Manfred Rennhack, Dieter Pochop, Thomas Lindofsky und Herbert Huth, da sie viele Stimmen gesammelt hätten. Einmal mehr als UWG-Hochburg hat sich Bernbach, einst fest in CDU-Hand, erwiesen. In beiden Wahlbezirke liegt die UWG hier über 35 Prozent. „Es ist der Lohn für unsere gute Arbeit im Ortsbeirat“, erklärt Pfahler dies. In Horbach kommt die Wählergemeinschaft hingegen auf keinen grünen Ast, rangiert dort jeweils unter 15 Prozent.

Generell sieht Gerhard Pfahler die größten Überschneidungen mit CDU und SPD, aber dies sei kein Dogma für die nächsten fünf Jahre. „Wir werden mehr diskutieren und eine größere Meinungsbildung haben“, glaubt Pfahler. „Das ist die Demokratie, die wir alle wollen.“

„Wir sind sehr zufrieden, dass wir von 0 auf mehr als 20 Prozent gekommen sind“, bilanzierte DF-Spitzenkandidatin Carmen Scheuermann. Sie dankte den Wählern für das Vertrauen. Insbesondere in Altenmittlau (38,8 Prozent) und teilweise in Somborn hatte die neue Wählergemeinschaft auftrumpfen können. „Wir freuen uns jetzt über acht Sitze“, zeigte sich Scheuermann keineswegs enttäuscht über das Einbüßen der Spitzenposition nach dem Trend.

„Wir wollen zusammen mit den anderen Parteien zum Wohle der Bürger zusammenarbeiten.“ Dem Populismus-Vorwurf gegen ihre Wählergemeinschaft widersprach Scheuermann deutlich. „Wir haben einen sauberen Wahlkampf geführt.“ Tatsächlich hatte DF ungewöhnliche Wege in der Pandemie gesucht, etwa mit einem Bürgertelefon. Ausschlaggebend für das Wahlergebnis sah Scheuermann den Wunsch der Bürger nach einem politischen Neuanfang in Freigericht, der das alte System aufbricht und neue Ideen ermöglicht. „Die Freigerichter“ stehen ihrer Meinung nach allerdings nicht nur für eine Abschaffung der Straßenbeiträge, sondern auch für viele kleine Themen der Menschen. „Wir wollen etwas für den Bürger bewegen.“ Nach der Wahl müssen DF ihre Rolle im Parlament finden. Gerne wollen sie punktuell mit den anderen Fraktionen zusammenarbeiten, um Projekte wie ein Mehrgenerationenhaus anzuschieben.

„Es ist ein kleiner Erdrutschsieg für uns“, freute sich Grünen-Chef Achim Kreis vor allem über das „Super-Ergebnis“ in Somborn. In zwei von vier Wahlbezirken im größten Freigerichter Ortsteil hat die Umweltpartei die Nase vorne. Als Gründe für das historisch gute Abschneiden nannte Kreis den höchsten Frauenanteil aller fünf angetretenen Listen, eine gesunde Mischung aus jungen Gesichtern und alten Hasen in den eigenen Reihen, einen sehr aktiven Wahlkampf und zukunftsorientierte Themen. „Wir gehen als einzige Partei die Klimakrise vor Ort an“, betont Kreis.

Überrascht zeigte er sich ebenfalls vom starken Ergebnis der DF: „Sie ziehen viele Unzufriedene und Protestwähler an.“ Die neue Lage im Gemeindeparlament wollte Kreis noch nicht bewerten. Allerdings rechnet er sich beispielsweise Chancen aus, gemeinsam mit CDU und DF die seit Jahren angestrebte Auflösung des Eigenbetriebs doch noch zu erreichen. Die jüngsten Entwicklungen um die geplante Wohnbebauung im Teufelsgrund bei Neuses (die GNZ berichtete) seien ebenfalls ein Beleg für die Intransparenz und „Hinterzimmerpolitik““ in der Gemeinde.

„Es war nicht so schlecht wie erwartet für uns. Aber es bleibt kein gutes Ergebnis für uns“, nahm SPD-Fraktionschef Joachim Heldt nochmals Stellung. Die Gründe für das Debakel außerhalb des Ortsteils Horbach – die Sozialdemokraten verlieren in Freigericht zwei Sitze – wurden am Abend in einer Online-Konferenz besprochen. Erst in ein bis zwei Wochen wollen die Genossen ins Detail gehen. „Wir haben auch gegenüber DF Federn lassen müssen“, räumte Heldt ein. Er erinnerte allerdings an die „Bürger für Freigericht“ (BfF), die auch „plötzlich weg waren“. Das Engagement in der Gemeindepolitik sei auch Arbeit. Angesprochen auf den ausgebliebenen Bürgermeister-Bonus erwiderte Heldt nur kurz: „Er stand nicht auf der Liste.“ Eitz hatte sich ausdrücklich gegen eine Kandidatur entschieden, da er das Mandat natürlich nicht angenommen hätte.

CDU (9Sitze)

1. Celine Brückner (0)

2. Patrice Göbel (0)

3. Hugo Klein (+7)

4. Robin Gerlach (+1)

5. Florian Altmann (–2)

6. Frank Nick (+2)

7. Dr. Jürgen Schmitt (0)

8. Wigbert Trageser (+7)

9. Günter Noll (+2)

Ersatzpersonen:

Daniel Klein (–6)

Jeanette König (–5)

Ronald Kaufmann (–3)

Bernhard Taubel (–1)

Heinrich Höfler (–1)

Grüne (7 Sitze)

1. Achim Kreis (+1)

2. Jennifer Seymor (–1)

3. Holger Marquardt (+1)

4. Olivia Wisker (–1)

5. Sturmius Maier (+1)

6. Lucia Gerheim (–1)

7. Annette Kress (0)

Ersatzpersonen:

Rainer Krämer (0)

Dr. Johanna Lomax (0)

Torsten Schädel (0)

Fenja Wohlers (0)

SPD (5 Sitze)

1. Susanne Friske (0)

2. Joachim Heldt (+2)

3. Sascha Heising (–1)

4. Anna Brandt (–1)

5. Dr. Manfred Kirschning (0)

Ersatzpersonen:

Jennifer Miller-Lasik (0)

Alexander Dedio (0)

Alexander Breitkreutz (0)

UWG (8 Sitze)

1. Gerhard Pfahler (0)

2. Sabine Weidner (+2)

3. Jochen Pfahler (+2)

4. Nadine Scharf (+5)

5. Stefan Hartmann (–2)

6. Thomas Wolf (+1)

7. Philipp Schmitt (+1)

8. Ulrike Heinisch (–6)

Ersatzpersonen:

Bernd Hofmann (–3)

Sascha Schröer (0)

Raimund Seliger (0)

Rudolf Schmitt (0)

„Die Freigerichter“ (DF)

(8 Sitze)

1. Carmen Brönner (+4)

2. Carmen Scheuermann (–1)

3. Dr. Michael Aul (0)

4. Klaus Brönner (+6)

5. Beate Weber (–3)

6. Carmen Adrian (–2)

7. Waldemar Gogel (+2)

8. Corinna Wagner (0)

Ersatzpersonen:

Dr. Marc Ruppenthal (–3)

Heinz Niereisel (–3)

Patrick Bendel (0)

Stefan Adrian (0)

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