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„Bedürfnisse der Kinder werden ignoriert“

Gelnhäuser Eltern üben massive Kritik am eingeschränkten Kita-Betrieb

02 Jun 2020 / 11:58 Uhr
Gelnhausen (re/mb). Ab dem heutigen Dienstag sollen die Kindertagesstätten landesweit den „eingeschränkten Regelbetrieb“ wiederaufnehmen. Die geplante Umsetzung durch die Stadt Gelnhausen stößt dabei auf massive Kritik aus der Elternschaft. In einem Schreiben an die GNZ, das von zehn Familien unterzeichnet ist, machen die Eltern ihrem Ärger Luft. In ihren Augen geht das Konzept der Stadt nicht über eine Notbetreuung hinaus. Sie werfen dem Rathaus daher Konzeptlosigkeit und verspätetes Handeln sowie eine schlechte Kommunikation mit den Eltern vor. Zugleich kritisieren sie, dass die Stadt die Bedürfnisse der Kinder und die Nöte der Eltern aus den Augen verloren habe. Da es in Gelnhausen keine objektiven Kriterien für die Vergabe der Plätze im eingeschränkten Regelbetrieb gibt und sie eventuelle negative Auswirkungen fürchten, bitten sie um eine anonyme Veröffentlichung ihres Schreibens. Die Namen der Eltern sind der Redaktion bekannt. Nachfolgend veröffentlichen wir ihr Schreiben – leicht gekürzt – im Wortlaut.

Hanau, Wächtersbach, Freigericht, Hasselroth: Was haben diese (beispielhaft genannten) MKK-Gemeinden beim Thema Kinderbetreuung in der Corona-Pandemie gemeinsam? Sie haben sich schon vor Bekanntgabe der Landesverordnung ein Konzept für die Erweiterung der Kinderbetreuung überlegt und dabei versucht, die Bedürfnisse der Kinder im Blick zu haben. Nur so lässt sich erklären, dass diese Gemeinden meist bereits Mitte vergangener Woche den Eltern den Plan kommunizieren konnten, wie ab dem 2. beziehungsweise 3. Juni schrittweise mehr Kinder in den Kindergarten zurückkehren können. Ein solches Konzept und zeitnahe Kommunikation mit den Eltern sucht man in der Kreisstadt Gelnhausen vergeblich.

Bis heute haben wir Eltern außer den Informationen im Artikel in der GNZ vom Samstag nur einen seit Freitagmittag nach Druck der Eltern über Whatsapp verbreiteten Brief der Stadt vorliegen. Wahrscheinlich wissen auch jetzt noch nicht alle Kita-Eltern etwas von diesem Brief. Dieser ist wohl auch an den Kita-Türen seit Freitag ausgehängt. Zur Erinnerung: Das ist der Ort, an dem seit Mitte März kein Kind außer zur Notbetreuung hindarf. Und da seit dieser Zeit auch die Kommunikation der Erzieherinnen mit den daheim bleibenden Kindern in unserer Einrichtung minimal gewesen ist, gibt es keinen Anlass, in der Kita einfach mal so vorbeizuschauen. Mit großen Augen liest man da Berichte, wie beispielsweise das Erzieherinnen-Team in Jossgrund-Pfaffenhausen Kontakt mit den Jüngsten hält.

Weder im GNZ-Artikel vom Samstag noch im Brief ist eine wirkliche Perspektive für die fast 750 Kita-Kinder der Stadt Gelnhausen zu erkennen. Zudem widersprechen sich teilweise Aussagen des Bürgermeisters in der Zeitung mit den Informationen an die Eltern. So ist im Elternbrief eine Gebühr für Juni basierend auf dem tatsächlichen Besuch erwähnt, während im Artikel auf den Magistrat verwiesen wird. Und der GNZ gegenüber plant die Stadt mit verschiedenen Schichten und tageweisen Wechseln, auf Nachfrage wird aber gesagt, „dass das irrtümlich in der Zeitung steht“.

Der „Plan“ in Gelnhausen ist anscheinend, das Konzept für die Notbetreuung auch für den eingeschränkten Regelbetrieb zu übernehmen. Es werden der „Kraftakt für die Erzieherinnen“ und die „Ängste vor einer möglichen Infektion“ betont. Der Bürgermeister beklagt die fehlenden Vorgaben vom Land und ahnt schon, dass er nicht „jedem gerecht werden kann“. Das ist alles verständlich, und keiner von uns erwartet einen „normalen“ Kindergartenalltag, aber was von der Stadt Gelnhausen jetzt kommt, ist wirklich beschämend.

Der Brief der Stadt enthält mittendrin die folgenden Sätze: „Bitte teilen Sie Ihrer Einrichtung ihren Betreuungsbedarf mit. [sic] Die Betreuungszeiten werden in der Einrichtung anhand des zur Verfügung stehenden Personals und des Betreuungsbedarfs bekannt gegeben.“ Man möchte in Gelnhausen also jetzt den Betreuungsbedarf ermitteln. Ernsthaft? Das hätte man seit mehreren Wochen tun können – der 2. Juni steht nicht erst seit letztem Freitag im Raum. Und der Bedarf ist doch bekannt: die Zeiten, zu denen die Kinder angemeldet sind. In Gelnhausen bekommt man nur einen Nachmittagsbetreuungsplatz, wenn man berufstätig ist. Der Bedarf ist also völlig klar. Er ist auch sonst offensichtlich, denn jedes Kind sollte die Chance bekommen, seine Freunde und den Kindergarten wiederzusehen. Beispielsweise ein oder zwei Tage die Woche für jeweils drei Stunden ist sicher nicht die gewohnte Betreuungszeit. Es würde den Kleinsten aber eine gewisse Rückkehr zu gewohnten Routinen ermöglichen. Und ja, Abstandsregelungen, Hygienekonzepte etc. sind eine Herausforderung – aber vor dieser stehen wir alle jeden Tag, mal mindestens bis die Pandemie von der WHO für beendet erklärt wird.

Nicht nur den Kindern würde ein konkreter Plan helfen, sondern auch allen Eltern. Gerade auch den Berufstätigen, die dann ganz anders mit den Arbeitgebern besprechen könnten, wie es weitergeht. Momentan müssen wir weiterhin mit den Schultern zucken und können mit Kindern in der Betreuung in Gelnhausen nicht verlässlich erklären, wie wir unsere Verträge als Arbeitnehmer erfüllen sollen. Denn auch die Eltern leisten seit Monaten einen Kraftakt und müssen oft mit Minusstunden oder unbezahltem Urlaub der Situation begegnen. Das scheint die Stadt Gelnhausen zu übersehen.

Spannend ist auch, dass keine weiteren Kriterien für die Vergabe der Betreuungsplätze über die Notbetreuung hinaus definiert wurden. Also, jeder meldet jetzt seinen Bedarf erneut an. Dann geht der vermerkte Bedarf über die verfügbaren Plätze hinaus: Würfeln die Kita-Leitungen dann oder entscheiden sie nach Gefühl, oder was sie glauben, in welcher Familie der größte Bedarf für Betreuung ist?

Warum gibt es in Gelnhausen keine objektiven Kriterien für diese „restlichen Plätze“? Die anderen Kommunen haben genau diese festgelegt und erwecken zumindest den Eindruck, dass sie alles tun, um jedem Kind zumindest tageweise bis zu den Sommerferien noch einmal den Besuch des Kindergartens zu ermöglichen. In Gelnhausen hingegen scheint man keinesfalls über die Notbetreuung hinaus gehen zu wollen. Denn warum lässt Gelnhausen ansonsten mit dem Verweis auf den Infektionsschutz keinen tageweisen Wechsel der Kinder zu? In den anderen Gemeinden im Main-Kinzig-Kreis ist es kein Problem, dass Kinder tage- oder wochenweise wechseln. Und auch die Schulen verfolgen doch exakt dieses Prinzip – mehrere Kindergruppen treffen getrennt an einzelnen Tagen auf die gleichen Lehrkräfte. Aber in Gelnhausen ist das nicht gewünscht, weil hier das Risiko der Infektionen als zu hoch angesehen wird. Steht die Stadt Gelnhausen nicht im Austausch mit den anderen Kommunen im Landkreis? Sie hätten doch Konzepte aus den umliegenden Gemeinden anfragen und anpassen und ein Verständnis für deren Risikobetrachtung beispielsweise beim Rotationsprinzip erlangen können. Der Bürgermeister könnte sich alternativ auch um Corona-Tests für seine Mitarbeiterinnen in den Kitas bemühen, sodass sie wöchentlich getestet werden. Das würde wahrscheinlich allen mehr Sicherheit geben.

So jedenfalls gewinnt man als Eltern den Eindruck, dass in Gelnhausen die Angst der Mitarbeiter vor den Kindern mehr wiegt, als die Chance auf ein wenig soziale Normalität für die Kinder. Dass Gelnhausen mit dem momentanen Ansatz die Bedürfnisse der Kinder ignoriert, ist leider auch daran erkennbar, dass die Vorschulkinder nicht bedacht werden. Es ist kein Konzept vorhanden, wie sie sich in dieser außergewöhnlichen Zeit von ihrer Kita verabschieden können. Das ist einfach unglaublich traurig für diese Kinder, die doch meist über drei Jahre mit ihrer Einrichtung verbunden waren.

Um es noch einmal klar zu sagen: Es geht nicht darum, alle Kinder wieder gleichzeitig in die Kindertagesstätten zu schicken. Aber ein bisschen mehr Bemühen und Kreativität im Umgang mit der Situation für die Kinder wäre in Gelnhausen mehr als wünschenswert.

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