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27 Stunden im Kampf gegen die Flut

Hochwasser in Langenselbold: Feuerwehr im Dauereinsatz / Rückhaltebecken verschaffen Helfern Zeit

31 Jan 2021 / 18:58 Uhr
Langenselbold (kno/re). In Langenselbold schlug das Hochwasser in der Nacht auf Samstag zu und führte zu den größten Überschwemmungen der Innenstadt seit 2003. Rund 200 Einsatzkräfte von Feuerwehr und THW aus 13 Kommunen kämpften fast 27 Stunden an insgesamt 47 Einsatzstellen gegen die Wassermassen. Erst am Samstagabend entspannte sich die Lage. Am Sonntag begannen dann die umfangreichen Aufräumarbeiten. Wertvolle Zeit verschafften den Helfern die beiden Regenrückhaltebecken in Richtung Gründau.

Bereits um 20 Uhr am Freitag warnte die Langenselbolder Feuerwehr vor steigenden Pegelständen an Gründau und Kinzig. Die Einsatzkräfte stellten Sandsäcke bereit. Anwohner an der Gründau wurden vorsorglich gebeten, Vorkehrungen zum Schutz ihrer Häuser zu treffen und Fahrzeuge an höhergelegenen Orten zu parken. Noch in der Nacht hatte die Einsatzabteilung der Feuerwehr dann alle Hände voll zu tun, um den Anwohnern zu helfen. Gemeinsam mit dem THW Erlensee und Mitarbeitern des städtischen Bauhofs errichtete die Feuerwehr einen sogenannten Quick-Damm, eine mit Wasser gefüllte Barriere. Auch Bürgermeister Timo Greuel war vor Ort und verschaffte sich einen Überblick. Die Hinserdorfstraße wurde für den Einsatz komplett gesperrt. Noch vor Mitternacht wurde Vollalarm ausgelöst. Die Pegelstände stiegen weiter an, allein im Bereich der Obermühle um 55 Zentimeter binnen zweier Stunden. Weiterer Regen erschwerte die Arbeit der Einsatzkräfte, die weitere Sandsäcke aus Maintal und Hammersbach erhielten.

„Am Marktplatz, Steinweg, Uferstraße und Wassergasse standen mehrere Keller unter Wasser. Zahlreiche Einsatzkräfte waren dort im Einsatz und unterstützten mit Pumpen. Es wurden mehr als 2 000 Sandsäcke an die Bevölkerung ausgegeben“, erläuterte Dennis Ernst die Situation am Samstagmorgen. Die Hilfsbereitschaft aus der Bevölkerung für die Einsatzkräfte, die zum Teil mehr als 24 Stunden im Einsatz waren, sei ungebrochen groß. „Wir haben uns sehr über die vielen Unterstützungsangebote gefreut“, sagt Feuerwehr-Pressesprecher Dennis Ernst. „Unter anderem brachte in der Nacht ein Selbolder Pizzabäcker zehn Pizzen für die Einsatzkräfte vorbei.“

Das Hochwasser war die erste Bewährungsprobe für die neuen Regenrückhaltebecken in Richtung Gründau. Ein Testlauf mit einer entsprechenden Menge Niederschlag gab es bis dato nicht. „Es gab früher Stimmen, die sich gegen die hohen Kosten für die Becken ausgesprochen hatten. Man bräuchte diese vermutlich sowieso nicht“, erinnerte sich Bürgermeister Timo Greuel an frühere Diskussionen. „Nun sieht man, was passiert wäre, wenn es diese Becken nicht gegeben hätte. 2003 gab es schon einmal ein Jahrhunderthochwasser, und wir hätten dieses Jahr Schlimmeres erlebt, wenn wir die Becken nicht gehabt hätten. Gemessen daran sieht man, dass das Geld für die Hochwasserrückhaltebecken gut investiert war und die Bürger nun vor noch größerem Schaden bewahrt hat“, sagte der Rathauschef im Gespräch mit der GNZ. Auch nach Einschätzung der Feuerwehr wäre ohne die Becken der Stadtkern bereits in der Nacht auf Samstag überflutet gewesen. Wie der Bürgermeister erläuterte, könne man das Wasser nicht komplett stoppen, nur verlangsamen, da sonst die Gründau trockengelegt würde.

Der Rathauschef lobte auch die Zusammenarbeit des technischen Einsatzstabs der Feuerwehr mit dem Stab der Stadtverwaltung, zu dem Vertreter von Klärwerk, Ordnungsamt und Rathaus gehörten. „Bereits am Freitagabend saßen wir zusammen, um die nächsten Schritte zu besprechen“, sagte Greuel. „Die Hochwasserrückhaltebecken liefen zu diesem Zeitpunkt voll und boten den nötigen zeitlichen Puffer, um richtig agieren zu können. Beispielsweise wurde der Quick-Damm des Main-Kinzig-Kreises, der beim THW Erlensee gelagert ist, auf Höhe der Brücke am Marktplatz errichtet.“

Am Brühlweg machte unterdessen Oliver Weirich persönlich Erfahrungen mit der kalten Flut. „Nach der Warnmeldung am Freitagabend haben wir unsere Autos zu meiner Schwiegermutter hoch in den Steinweg gebracht“, berichtet der Langenselbolder. Einzig die 13-jährige Hündin Emma blieb im Haus am Brühlweg. „Das Wasser stand auf unserem Grundstück teilweise bis zu 70 Zentimeter hoch, und die Feuerwehr warnte vor der starken Strömung“, sagt seine Verlobte Katrin Lamm. „Oli ist heldenhaft in Badehose durch das eiskalte Wasser gelaufen und hat unseren Hund geholt“, berichtet sie stolz. Vor größerem Schaden ist die Familie glücklicherweise bewahrt worden, einzig der Garten bedarf wohl einer Rundum-Erneuerung.

Glück im Unglück hatten auch die Betreiber der Motorradwerkstatt „Zweirad Niederer“ im Steinweg. „Das Geschäft ist trocken geblieben“, erzählt Bianca Niederer erleichtert. „Nachdem wir die Warnung gesehen hatten, haben wir am Freitagabend um 21 Uhr noch einen Sandsackwall errichtet, den uns die Feuerwehr Langenselbold zur Verfügung gestellt hatte. Nur die Außenanlage ist natürlich nass geworden.“ Die Werkstatt musste am Samstag schließen, da sie durch das Wasser nicht zu erreichen gewesen wäre. „Wir hoffen, dass wir am Montag wieder öffnen können“, meinte Niederer hoffnungsvoll.

Am Samstagnachmittag konzentrierte sich die Arbeit der Rettungskräfte zunehmend auf den Bereich Kinzigsee. Weitere 1 500 Sandsäcke aus Maintal dienten dazu, das Hab und Gut der Bewohner des Campingplatzes abzusichern. Dabei kamen unter anderem der Katastrophenschutzzug aus Hanau und Kräfte aus Brachttal zum Einsatz. Gegen 19 Uhr zeichnete sich dann bei allen Pegeln eine deutliche Entspannung ab.

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