SUCHE

Bestes Trinkwasser aus der Kinzig

Wasserverband startet zukunftsweisendes Projekt

16 Okt 2020 / 17:35 Uhr
Main-Kinzig-Kreis (re). Der Wasserverband Kinzig (WVK) geht bei der Trinkwasserversorgung neue Wege, um in Zeiten fortschreitenden Klimawandels die Versorgung der Region und der Metropole Rhein-Main umweltverträglich zu garantieren. Das Trinkwasser wird künftig auch aus Oberflächenwasser gewonnen, das in großer Menge vorhanden ist und dank mehrstufiger Filtration höchste Wasserqualität erreicht. Die Zukunft der Trinkwasserförderung soll ein Hybridmodell aus Grund- und Oberflächenwasser sein. Davon hat sich Landrat Thorsten Stolz bei einem Besuch in der hochmodernen Pilotanlage in Bad Soden-Salmünster überzeugt. Die Kosten für die Anlage belaufen sich auf etwa 500 000 Euro, rund die Hälfte davon stammt aus Fördermitteln des Landes Hessen.

Das Klima ist im Umbruch. Die Erwärmung der Erde schreitet voran, die Polkappen schmelzen, der Meeresspiegel steigt, und in der Atmosphäre ist deutlich mehr Wasser vorhanden. Das hat auch Auswirkungen auf das Klima in der heimischen Region. Die Niederschlagverteilung übers Jahr verschiebt sich. Schneereiche Winter, die durch das langsame Versickern bei der Schneeschmelze perfekt für die Grundwasserneubildung sind, gibt es kaum mehr. In der Folge fließt das Regenwasser über ausgetrocknete Böden immer oberflächlicher ab, vor allem in den Sommermonaten. Die Sommer werden heißer und trockener, unterbrochen von schweren Gewittern und Starkregen. Das bringt zwar Wasser zuhauf, doch die ausgetrockneten Böden und die Vegetation verhindern, dass das Regenwasser in den Untergrund eindringt und zur Neubildung von Grundwasser beiträgt. Der Mensch muss sich den neuen Gegebenheiten anpassen, sich auf längere Trockenphasen einstellen und trotzdem die Trinkwasserversorgung sicherstellen, andererseits muss er sich vor Hochwasser schützen. Daher liegt es nahe, auch das Oberflächenwasser zur Trinkwassergewinnung zu nutzen und auf diese Weise die wertvolle Ressource im Untergrund zu schonen.

In Bad Soden-Salmünster testet der Wasserverband Kinzig die Trinkwassergewinnung aus dem fließenden Wasser der Kinzig. Landrat Stolz spricht von einem bahnbrechenden und zukunftsweisenden Projekt mit Vorbildcharakter für andere Regionen in Deutschland.

Beteiligt sind die Ingenieure von Baurconsult, BCE Björnsen, Inge (BASF / Du Pont) Wasseraufbereitungstechnik und IWW, dem Rheinisch-Westfälischen Institut für Wasser, sowie der Ökologe Dr. Hans-Otto Wack vom Umweltbüro Schotten. Das Pilotprojekt mit dem Wasser der Kinzig ist der Härtetest für die Technik. WVK-Geschäftsführer Holger Scheffler ist überzeugt, dass das Projekt Zukunft hat: „Wir haben gewusst, dass es funktioniert. Aber wir haben gestaunt, dass das Wasser der Kinzig eine solche Qualität hat.“ Verbandsvorsteher Thomas Wissgott freut sich über die angestrebte nachhaltige Ressourcenschonung, obgleich der Verband schon heute seinen Versorgungsauftrag umweltgerecht erfüllen kann. So sehe die Wasserwirtschaft der Zukunft aus.

Das Wasser wird aus der fließenden Welle der Kinzig in die Anlage gepumpt, dabei hält ein Gitter den gröbsten Schmutz zurück. Dann strömt das Wasser durch einen Vorfilter und wird mit einer sogenannten In-Line-Flockung behandelt. Danach folgt eine Ultrafiltration, die partikuläre Stoffe, Viren und Keime entfernt. Mit Ozon werden Spurenstoffe durch Oxidation eliminiert und biologisch gereinigt. Eine Adsorptionsfiltration mit granulierter Aktivkohle sorgt als letzte Reinigungsstufe für absolute Sicherheit.

Selbst Reste von Medikamenten blieben im Verfahren unter der Nachweisgrenze. Das Ergebnis ist reinstes Trinkwasser von höchster Güte. Die Anlage funktioniert sogar dann tadellos, wenn die Kinzig Hochwasser mit entsprechend hohem Schwebstoffanteil führt.

Ziel ist es, mit einer entsprechend dimensionierten Anlage den Kinzigstausee zu einem riesigen Trinkwasserspeicher zu machen. Der WVK will dort mit einer Wassergewinnungsanlage etwa 5,5 Millionen Kubikmeter Trinkwasser für den Main-Kinzig-Kreis und den Ballungsraum Rhein-Main gewinnen. Eine Hybridlösung aus Oberflächenwasser und Grundwasser bedeutet eine dauerhaft klimafeste Wasserbeschaffung. Sie schont zugleich die wertvolle Ressource Grundwasser und erlaubt eine Mengenerhöhung bei gleichzeitig angestrebter Senkung des Wasserpreises.

Ökologe Wack vom Umweltbüro Schotten und Anil Gaba von der IWW erläuterten die Anlage im Detail. Was im Kleinen funktioniert, soll bald in einer großen Anlage Wasser liefern. „Das ist High End der Trinkwasseraufbereitung“, ist Gaba sicher. Und Wack sieht den WVK im internationalen Vergleich „um Lichtjahre voraus“.

Die Laufzeit des Probebetriebs enthielt Extremereignisse wie ein hundertjähriges Hochwasser, eine vierteljährige Dürre und eine Niedrigwasserperiode und liefert somit über ein ganzes Jahr hinweg ausreichend belastbare Daten, um nun die Umsetzung des Projekts zur klimafesten Wassergewinnung an der Kinzigtalsperre voranzutreiben, damit das neue Wasserwerk 2025 den Betrieb aufnehmen kann.

Weitere Meldungen aus der Region
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4