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Bundesliga – die Antikultur unserer Gesellschaft

Offener Brief von Johannes Hetterich: Der ehemalige Fußballer des FC Gelnhausen und heutige Tierarzt schreibt an DFL-Geschäftsführer Christian Seifert

07 Apr 2020 / 15:45 Uhr

Sehr geehrter Herr Seifert, endlich, Samstagnachmittag 15.30 Uhr. Ich bin mit der Fußball-Bundesliga aufgewachsen, Fußball gehörte zum Wochenende wie Mamas Sonntagsbraten. Selbst bin ich aktiver Amateur-kicker und leidenschaftlicher Anhänger unseres Sports. Deshalb schreibe ich Ihnen. Weil ich es nicht mehr ertrage wie Sie, Herr Seifert, und viele andere Funktionäre im In- und Ausland unseren Sport dieser Tage darstellen, wie sie ihn über alles stellen und wie Sie scheinbar jeglichen Realitätssinn verloren zu haben scheinen.

Es gibt derzeit kaum ein Berufsfeld, in dem das tägliche Arbeiten unverändert oder gar unbeschwert ablaufen kann. Ich bin mir bewusst, dass auch Sie derzeit außergewöhnlich schwierige Tage durchleben, unangenehme Entscheidungen treffen und Druck aushalten müssen. Es geht um Geld, viel Geld.

Wenn ich als Fußballfan dann – bei allem Verständnis – die Nachrichten einschalte und gleich nach den neuesten Todesmeldungen und Missstands-Nachrichten das Problem Fortsetzung der Bundesliga-Saison folgt, muss ich mich allerdings fragen: In welcher Welt leben wir? In welcher Welt leben Sie? Ist die Entwicklung der vergangenen Wochen vollständig an Ihnen vorbeigegangen?

Die italienischen Ärzte, die täglich Hunderte von Menschen sterben sehen. Französische Notfallpatienten, die in unser Land eingeflogen werden. Deutsche Chirurgen und Internisten, denen grundlegende medizinische Ausrüstung fehlt. Und dann: Die Bundesligasaison. Wann kann weitergespielt werden? Ist eine Beendigung bis Ende Juni möglich? Und falls nein: Was passiert mit den Arbeitsverträgen, die zum 30.Juni auslaufen? Sicher: Der deutsche Profifußball ist eine große Maschinerie, Tausende Jobs und viel Geld hängen an Ihr, das betonen Sie stets auf schier unermüdliche Weise. Aber falls Sie auch dies noch nicht mitbekommen haben: Nahezu alle Berufsgruppen in unserem Land sind von der derzeitigen Krise betroffen. Gleich ob Bäcker, VW-Arbeiter oder Lufthansa-Pilot. Sie alle warten, bangen oftmals um ihre Existenz und hoffen. Aber, Herr Seifert, es scheint inzwischen recht augenfällig: Ein Großteil dieser Menschen akzeptiert und erträgt diese Situation. Sie befolgen die Vorgaben der Politik und geben damit unseren derzeit wichtigsten Menschen im Land, unseren Wissenschaftlern und Ärzten, dringend benötigte Zeit. Wenn Sie sich für einen kurzen Moment in diese Menschen in unseren Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen und Laboren hineinversetzen. Zeit ist das mindeste, was wir geben können. Und was tun Sie und Ihre Funktionäre: Sie drängen, stellen Zeitpläne auf. Zeitpläne, an die sich aktuell nicht einmal unsere kühnsten Forscher wagen. Anmaßend, größenwahnsinnig, unverschämt? Ich weiß nicht, welches Vokabular angebracht ist – mir fehlen schlicht die Worte, wenn ich darüber nachdenke.

Bitte geben Sie mir noch diese Zeilen, Herr Seifert. Falls ich Sie mit der gesellschaftlichen Realität gelangweilt habe, möchte ich zum Abschluss noch einmal auf den Sport zurückkommen. Diverse große Sportveranstaltungen sind inzwischen abgesagt (den Athleten und natürlich nicht den Funktionären sei Dank!). Unter anderem die Olympischen Sommerspiele in Tokio. Haben Sie einen deutschen Kanuten, einen deutschen Sportschützen, einen deutschen Fechter jammern hören, als die Absage offiziell wurde?

Unsere Olympioniken – Sportler, oftmals im Nebenerwerb, die ihr ganzes Leben auf ein Event ausrichten, das nur alle vier Jahre stattfindet. Und sich dann kurzfristig in Luft auflöst. Trainingspläne, Jahresplanungen zunichte macht. Nichts war zu hören. Im Gegenteil: Die Athleten nahmen aus eigener Initiative Abstand von den Spielen, noch bevor der werte Dr. Bach endlich einknicken musste.

Dass der Profi-Fußball unseres Landes (und natürlich auch der unseres Kontinents) schon seit Jahren in einer Parallel-Gesellschaft vonstatten geht, Herr Seifert, dürfte auch Ihnen klar sein. Kurzarbeit – wie derzeit auch in vielen anderen Profisportarten – für Berufsfußballer? Auf keinen Fall. Dringend benötigte Solidarität in der bereits jetzt schwierigsten Phase unserer Generation? Gerne die anderen! Die wahnwitzigen Geldbeträge und irrationalen Machenschaften werden von einem Großteil der Basis Ihres Geschäftsmodells, den Fans (!), hingenommen. Nicht weil diese Menschen diese Irrationalität gutheißen. Sondern weil sie (noch) bereit sind, darüber hinwegzusehen für Ihren geliebten Sport.

Dass der Profi-Fußball mit dem aktuellen Kurs – wie es für mich scheint – aber gar einen anti-gesellschaftlichen Kurs einschlägt, halte ich einerseits für gefährlich und andererseits für traurig. Mich hat die Bundesliga als Fan verloren. Mehr noch: Ich schäme mich zutiefst für das, was ich in den letzten Wochen rund um die Bundesliga lesen musste.

Da für Sie und Ihre Kollegen bereits seit geraumer Zeit nicht mehr der gemeine Fan, sondern nur Geld und Geschäft zählen, können Sie dies gewiss verschmerzen. Tun Sie mir bitte dennoch diesen einen Gefallen. Aus Respekt und Anstand unseren wissenschaftlichen und medizinischen Kräften gegenüber. Seien Sie einfach ruhig, zumindest für einige wenige Wochen. Und wenn Sie unbedingt über Zeitpläne sprechen müssen, dann machen Sie die Bürotür einfach einmal zu.

Der 28-jährige Johannes Hetterich stammt aus Gelnhausen. Hier spielte er für den FC Gelnhausen in der Fußball-Gruppenliga. Zudem feierte er als Golfer Erfolge auf nationaler Ebene. Mittlerweile lebt Hetterich in Hannover und arbeitet dort als Tierarzt.

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