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Die bürgerliche grüne Mitte

Nicht nur Jungwähler stärken die „Öko-Partei“

31 Mai 2019 / 14:38 Uhr

Von GNZ-Chefredakteur Thomas Welz

Wenn jemand vor 20 Jahren die Grünen gewählt hat, galt das gemeinhin nicht gerade als „cool“. Grünen-Wähler waren „linke Ökos“, die mindestens selbstgestrickte Strümpfe tragen mussten. Ich weiß, ich überspitze.

Spätestens seit den jüngsten Ergebnissen der Europawahl ist klar: Die Grünen sind in der bürgerlichen Mitte, im Establishment angekommen. Grün zu wählen ist chic. Mit einer linken, sozial geprägten Gesinnung muss das nicht mehr zwangsläufig etwas zu tun haben.

Ich habe in den vergangenen Tagen mit Bekannten über ihre politischen Präferenzen gesprochen. Erstaunlich viele von ihnen haben sich von der SPD abgewandt, aber auch von der CDU. Die meisten sehen in den Grünen eine Alternative. Wenn ich in diesen Gesprächen in Details gehe, stelle ich fest, dass es gar nicht so sehr um politische Inhalte geht. Es geht vielmehr häufig um handelnde Akteure, die als glaubwürdig und authentisch gelten. Es geht also um die Menschen hinter der Politik. Und es geht darum, dass die Grünen sich für viele von der einstigen Öko-Partei vermeintlicher Alt-Linker zu einer echten Marke entwickelt haben, mit deren Klientel sich diese Menschen inzwischen gerne identifizieren.

Bemerkenswert sind die Ergebnisse im Bildungsbürgertum. Dort liegen die Grünen bisweilen bereits deutlich vor den sogenannten Altparteien CDU und SPD. In München beispielsweise wird es immer „grüner“, je weiter es in die Innenstadt geht. Ähnliches gilt für Frankfurt. Jeder weiß, dass sich Normalsterbliche in diesen Innenstadtzentren kaum noch eine Wohnung leisten können. Das heißt: Je höher das Einkommen, desto stärker ausgeprägt ist offenbar die Tendenz, grün zu wählen. Ein erstaunliches Phänomen.

Hinzu kommt – und das wurde in den vergangenen Tagen hoch und runter geschrieben –, dass die Grünen gerade für die Jungen „sexy“ sind. Auch diese Zahlen decken sich mit meinen persönlichen Beobachtungen. Viele Freunde meiner beiden älteren Kinder durften zum ersten Mal bei einer Europawahl ihre Stimme abgeben. Die deutliche Mehrheit von ihnen hat für Grün gestimmt. Die jungen Menschen, mit denen ich selbst gesprochen habe, sind übrigens längst nicht alle so politisch interessiert, wie es heute angesichts des medialen Wirbels um die Greta-Thunberg-Klimabewegung gerne heißt. Sie haben grün schlichtweg deshalb gewählt, weil sie die Partei als weltoffen, zeitgemäß und modern empfinden.

Genau das muss den Altparteien zu denken geben. Nicht erst durch den – sagen wir es vorsichtig – unglücklichen Auftritt von Annegret Kramp-Karrenbauer in Sachen Netzwelt sollten die Alarmglocken läuten. Mein Kollege Imre Grimm hat in der Mittwochs-GNZ dazu unter anderem die These aufgestellt, dass die (noch) großen Parteien „digitale Analphabeten“ seien. Das ist nicht nur gefährlich, sondern tödlich. Es muss an dieser Stelle gleichgültig sein, was man über „soziale“ Netzwerke denkt. Es muss egal sein, ob man sich über verkürzte und oftmals verfälschte Darstellungen im Internet ärgert. Die Wahrheit ist: Wer junge Menschen nicht im Digitalen abholt, wird perspektivisch keine Wahl mehr gewinnen.

Auf SPD und CDU warten maximale Herausforderungen. An erster Stelle steht das Personal, und zwar in erster Linie das Personal „ganz oben“. Mit einer irrlichternden Andrea Nahles lässt sich keine Wahl gewinnen. Eine biedere Annegret Kramp-Karrenbauer wird die alternde CDU nicht retten. Frische, sympathische, authentische Spitzenpolitiker sind bei den etablierten Parteien Mangelware. Hinzu kommt ein zunehmend unangenehmer Populismus, dem nur schwer das Handwerk zu legen ist.

Spannend wird sein, wie sich die Ergebnisse der Europawahl bei den nächsten Abstimmungen auf kommunaler, aber auch auf Bundes- und Landesebene auswirken. Im Main-Kinzig-Kreis wäre eine „GroKo“ mangels „Gro“ kaum noch denkbar. Für Schwarz-Grün würde es aktuell im Main-Kinzig-Kreis nicht reichen, nicht mal für Rot-Rot-Grün. Schwarz-Rot-Grün wäre dann die einzige Alternative, wenn niemand die AfD ins Boot holen und damit salonfähig machen will.

Im Main-Kinzig-Kreis freuen sich die Grünen über ihren jüngsten Wahlerfolg. Sie sind hinter der CDU die zweitstärkste Kraft. „Der Wähler hat die bessere Alternative, die Grünen, erkannt“, schreibt deren Fraktionsvorsitzender Reiner Bousonville. Dass es der Profit aus einem bundesweiten Trend ist, der den Kreis-Grünen die jüngsten Spitzenzahlen von knapp 21 Prozent beschert hat, wird auch deren Fraktionschef nicht bestreiten. Bousonville hat bereits die Kommunalwahl 2021 im Blick. Dann wird er, wie auch die Verantwortlichen der AfD, vor einem ganz anderen Problem stehen: Die Partei kommt personell gesehen nicht hinter den eigenen Wahlerfolgen her. Bei einer Kommunalwahl wollen Listen gefüllt werden. Der Main-Kinzig-Kreis hat 29 Städte und Gemeinden. Mehrere hundert Bewerber müssten sich demnach für ein politisches (Ehren-)Amt interessieren. Eine Herkulesaufgabe also auch für die aktuellen Wahlgewinner. Reichlich Hausaufgaben, so viel steht fest, haben mithin längst nicht nur SPD und CDU zu erledigen.

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