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„Die Lage ist dramatisch“

Landrat: „Sollten uns verabschieden von dem, was wir für wünschenswert halten, und fragen, wie wir das Allerschlimmste in den Krankenhäusern verhindern“

22 nov 2021 / 09:56 Uhr
Main-Kinzig-Kreis (re). Die Corona-Lage in den hiesigen Krankenhäusern beschreibt der Main-Kinzig-Kreis als „höchst problematisch“. In den vier Kliniken befinden sich derzeit 49 Patienten mit Covid-19, davon 15 auf den Intensivstationen. Wiederum zehn Menschen müssen beatmet werden. „Die Zahl der freien Intensivkapazitäten ist aus verschiedenen Gründen erheblich eingeschränkt“, berichtet Landrat Thorsten Stolz. „Man kann es ganz plastisch beschreiben: Mittlerweile ist es denkbar, dass ein Patient mit einem Herzinfarkt, der intensivmedizinische Betreuung braucht, über weite Strecken bis zu einem freien Behandlungsplatz in einem Krankenhaus gefahren werden muss, weil die Kapazitäten in den Einrichtungen bei uns im Kreis erschöpft sind.“

Wenn ein Patient oder eine Patientin als intensivpflichtiger Notfall per Rettungswagen ins Krankenhaus muss, ist es bereits seit Tagen ein großes Problem, ein freies Bett zu finden. „Die RettungsdienstTeams können die nächstgelegene Klinik meistens gar nicht mehr ansteuern“, schildert Manuel Wilhelm, Ärztlicher Leiter Rettungsdienst im Main-Kinzig-Kreis. „Dann werden die nächsten Krankenhäuser im Umkreis kontaktiert, danach die noch weiter entfernt gelegenen. Das ist wertvolle Zeit, die alleine für die Logistik verstreicht. Hinzu kommen die längeren Transportzeiten mit oft kritisch kranken Patienten.“

Die Intensivstationen der Krankenhäuser im Kreisgebiet haben in den vergangenen Tagen regelmäßig „Rot“ gemeldet – keine weitere Aufnahme über den Rettungsdienst. Damit waren sie bei Weitem nicht alleine. Für das Rhein-Main-Gebiet sei die Lage „schon sehr dramatisch“, wie Wilhelm aus der täglichen Arbeit schildert. Wenn alle Kliniken in vertretbarer Reichweite keine Kapazitäten mehr angeben, erfolgt die Patientenzuteilung als sogenannte Notzuweisung, aktuell bereits eher die Regel als die Ausnahme. Eine Klinik, die trotz aller Bemühungen keine Versorgungsmöglichkeiten mehr hat, muss dann trotzdem Patienten vom Rettungsdienst übernehmen und weiterversorgen.

Bis eine Klinik „Rot“ meldet, muss viel passieren. Genau das ist in den vergangenen Tagen der Fall gewesen. „Mit einigem zeitlichen Versatz landet ein Teil der Covid-Neuinfizierten in den Krankenhäusern. Von Mitte Oktober bis Mitte November hat sich die Gesamtzahl von 18 auf fast 50 mehr als verdoppelt. Und der Höhepunkt bei der Zahl der täglichen neuen Fälle ist aktuell noch gar nicht in Sicht“, verdeutlicht Gesundheitsdezernentin Susanne Simmler. Auf den Intensivstationen liegen ebenfalls deutlich mehr Menschen mit Covid-19, teils jünger als 60 Jahre und mit längerer Aufenthaltsdauer. „Es ist vielen Bürgern vielleicht nicht klar, aber was an Kapazität für die Covid- Patienten aufgewendet wird, fehlt zunehmend bei anderen Akutfällen. Eine Besserung ist auf Wochen, vielleicht auf Monate nicht in Sicht. Nicht weil Betten oder Gerätschaften fehlen, sondern weil es nicht genug Fachkräfte gibt“, so Simmler.

Derweil hat der Main-Kinzig-Kreis mit den großen Städten des Rhein-Main-Gebietes notwendige Schritte eruiert, die auf lokaler Ebene für den Schutz junger Menschen schnell umsetzbar sind. Dazu gehört das verpflichtende Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung im Unterricht ebenso wie das möglichst gruppengetrennte Arbeiten. „Die Lage ist dramatisch“, sagt Landrat Stolz. „Wir sollten uns verabschieden von dem, was wir für wünschenswert halten, und hinwenden zur Frage, wie wir das Allerschlimmste in den Krankenhäusern verhindern. Der Blick nach Sachsen und Bayern zeigt, wo auch für Hessen die Reise hingeht. Kontaktbeschränkungen müssen ein Mittel der Wahl sein. Aber auch hier kann man Landkreise und kreisfreie Städte rechtlich nicht im Regen stehen lassen, hier braucht es eine klare Linie im Bund, zumindest aber im Land Hessen.“

Der Main-Kinzig-Kreis hat vor einigen Tagen eine dringende Empfehlung ausgesprochen, das Tragen einer Maske auch am Sitzplatz in Schulklassen umzusetzen. „Das ist letztlich ein gewichtiges Kriterium, damit alle anderen Schüler weiter am Präsenzunterricht teilnehmen, auch wenn ein Corona-Fall entdeckt worden ist“, erklärt Stolz. Leider sei es aber Realität, dass diese dringende Empfehlung nur an wenigen Schulen konsequent in den Schulalltag integriert werde, wie Schuldezernent Winfried Ottmann jüngst nach Gesprächen mit einigen Schulleitungen und dem Staatlichen Schulamt zurückgemeldet bekam. Der Kreis wird darauf nun mit einer Anordnung an die Schulen des Kreis- sowie des Stadtgebietes Hanau reagieren – und zwar im Einklang mit den Städten Frankfurt, Offenbach und dem Landkreis Offenbach sowie in enger Abstimmung mit der Stadt Hanau als eigenständigem Schulträger.

„Jeder Tag, den wir ohne weitere Schutzmaßnahmen und ohne politisches Eingreifen zubringen, macht die Corona-Situation immer schlimmer“, so der Landrat. „Wir stehen vor einer Katastrophe im medizinischen Bereich, vor einem völlig aus dem Ruder laufenden Infektionsgeschehen, vor ständig neuen Inzidenzekorden bei den jüngeren Menschen. Wir müssen den Schutz erhöhen, gerade für die jungen Menschen.“

Gesundheitsdezernentin Susanne Simmler kritisiert, dass das Land Hessen bislang leider nicht willens sei, den Schutzstandard einheitlich zu erhöhen, obwohl es längst an der Zeit sei: „Rasant steigende Infektionszahlen kommen nicht von ungefähr, sondern haben mit der hohen Zahl an Kontakten zu tun und mit dem Verhalten miteinander und nebeneinander, gerade über eine lange Dauer und in Innenräumen.“

Kreisbeigeordneter Ottmann geht von einer breiten Unterstützung der Maskenpflicht in den Schulgemeinden aus. Der Kreiselternbeirat habe sich bereits klar positioniert. „Auch viele Schulleiter hatten in den vergangenen Tagen bei uns um noch mehr Klarheit in diesem Punkt gebeten, ebenso das Schulamt.“

Der Kreis hat sich diese Woche mit den Städten Offenbach und Frankfurt über deren Erfahrungen in den Gesundheitsämtern ausgetauscht. Trotz hoher Fallzahlen zeige sich ein ähnliches Bild, so Dezernentin Simmler. Die Gesundheitsämter entschieden nach einem positiven Fall oft, auch noch eine ganze Reihe weiterer Schüler häuslich abzusondern. „Jeder Fall wird individuell darauf abgeklopft, wie die Unterrichtssituation vor Ort war, wie die räumlichen Bedingungen sind und vor allem, wie die Schüler vor einer möglichen Anstec kung geschützt gewesen sind. „Teils lässt sich die empfohlene Maskenpflicht bei der Fallermittlung nicht voraussetzen, teils wurde sie nicht durchgezogen, worauf die Gesundheitsämter dann mit ‚Nummer sicher‘ reagieren und mehr Kinder und Jugendliche häuslich isolieren, als das mit konsequent getragener Mund-Nasen-Bedeckung der Fall gewesen wäre.“ Eine vorsichtigere Gangart sei gerade mit Blick auf die außerordentlich hohen Inzidenzwerte unter den jüngeren Menschen auch angebracht. Bei den Unter-15-Jährigen liegt die Sieben-Tage-Inzidenz im Kreisgebiet seit Tagen über 300.

In den vergangenen Tagen hatten Kreis und Stadt Hanau das Land bereits zu einer einheitlichen Erhöhung der Schutzstandards für die Bereiche Bildung und Betreuung aufgefordert, um die teils unklare rechtliche Basis für sinnvolle Maßnahmen wie eine Maskenpflicht zügig zu verbessern. „Das Land macht gerade ein Ping-Pong-Spiel, indem es auf Entscheidungen aus Berlin wartet und die Verantwortung in die Kommunen und Landkreise verlagert. Das hilft den Bürgern nicht und erst recht nicht der kommunalen Ebene, die jetzt wichtige Entscheidungen treffen will und muss“, sagt Hanaus Oberbürgermeister Claus Kaminsky. „Jetzt ist nicht die Zeit für einen philosophischen Diskurs, wie wir mit der vierten Welle umgehen, sondern die handfeste Frage zu beantworten, wie wir die Menschen wirksam und rechtssicher schützen.“

In Kürze wird der Main-Kinzig-Kreis, gemeinsam mit Frankfurt sowie Stadt und Landkreis Offenbach eine Anordnung herausgeben, um aus der bisherigen Empfehlung zum Tragen einer Maske im Unterricht eine Pflicht zu machen. Dann soll nicht mehr nur auf den Plätzen und Fluren auf dem Schulgelände die Maske getragen werden, sondern auch am Sitzplatz. Die Maßnahme ist zunächst bis zu den Weihnachtsferien vorgesehen.

Für die Kreisspitze wie auch für den Magistrat der Stadt Hanau steht nach der extremen Zuspitzung der Corona-Situation fest, dass es in Deutschland dringend einheitlicher Regelungen im größeren Maßstab bedarf. Nach einem gemeinsamen Gespräch fordern alle Beteiligten eine erneute Ausweitung der Kontaktbeschränkungen, um das Infektionsgeschehen einzudämmen, wie auch eine landesweit strukturierte und groß dimensionierte Impfkampagne für die Prävention.

OB Kaminsky blickt auf die vergangenen sechs Wochen zurück: „Wir haben aus Fürsorge für unsere Bürger entschlossen gehandelt und dafür gesorgt, dass es in Hanau ohne zeitliche Unterbrechung möglich war, sich eine Erst-, Zweit- oder Dritt-Impfung geben zu lassen.“ Auch in Gelnhausen und Schlüchtern folgten wenige Tage später „Dein Pflaster“-Impfstellen. „Aber der eigentliche Plan der Landesregierung, dass der öffentliche Gesundheitsdienst nur die Impflücken schließt und die niedergelassenen Ärzte die Hauptlast schultern, ist nicht aufgegangen. Es wird Zeit, das anzuerkennen und die Reißleine zu ziehen.“

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