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Die Vergiftung der Gesellschaft

Warum die „Polituren“ am Samstag ausfallen mussten

24 Feb 2020 / 08:48 Uhr

Seit vielen Jahren erscheinen jeden Samstag unsere „Polituren“. Am vergangenen Samstag mussten sie ausfallen.

Nach den Morden in Hanau in der Nacht zum Donnerstag waren wir uns in der Redaktion einig, dass ein bissig-glossierender Wochenrückblick, als den sich die „Polituren“ verstehen, nicht nur unpassend wäre, sondern pietätlos. Wir können uns unmöglich über dies und jenes lustig machen, das vergangene Woche in der Region geschehen ist, ohne dabei fast zwangsläufig über die schrecklichen Taten in Hanau hinwegzugehen.

Als Reporter sind wir es gewohnt, über Vorgänge und Sachverhalte aus einer kritischen Distanz zu berichten. „Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache; dass er überall dabei ist, aber nirgendwo dazugehört“, hat „Tagesthemen“-Moderator Hajo Friedrichs einst gesagt und damit einen Leitsatz für Journalisten geprägt. Bei dem, was in Hanau geschehen ist, fällt es schwer, diese Distanz zu wahren. Denn am Ende sind auch Journalisten: einfach nur Menschen. Und man mag sich nicht vorstellen, was in den Angehörigen der Opfer vor sich geht, die zusätzlich zu ihrer Trauer und dem erfahrenen Leid wissen, dass das Leben ihrer Lieben ausgelöscht wurde, weil ein rassistischer Irrer alleine nach dem Aussehen ausgewählt und getötet hat.

Das ist Wahnsinn.

Geradezu ekelhaft sind in diesem Zusammenhang – wieder einmal – Diskussionen in den sozialen Netzwerken. Dort breiten sich Menschen aus, dass man die Tat in Hanau nicht überbewerten solle, dass es auch linksradikale Straftäter gebe, Taten aus diesem Milieu aber bewusst unter den Tisch gekehrt würden, genau wie die von Flüchtlingen – und so weiter und so weiter.

Ich frage mich, in welchem Land wir leben, in dem Menschen, und zwar nicht wenige, immer noch nicht verstanden haben, dass wir ein Problem haben, ein massives Problem, und das liegt am rechten Rand – nirgendwo sonst. Nicht nur die Politik, sondern wir alle tragen eine Mitschuld daran, dass sich radikale Denkweisen geradezu ungehindert ausbreiten konnten und es weiter tun werden.

Radikalität beginnt dort, wo andere Volksgruppen, ganz allgemein „Ausländer“, Andersdenkende und Andersfühlende, pauschal diffamiert werden. Oft genug geschieht das öffentlich, aber auch – und leider immer mehr – im persönlichen Umfeld: unter Kollegen, Bekannten, in der Familie. Besonders hier gilt es, klare Kante zu zeigen, solche Äußerungen nicht einfach hinzunehmen, sondern sich dagegenzustellen. Was wir erleben, ist nicht weniger als eine fortgeschrittene Vergiftung der Gesellschaft.

Und noch ein letzter Satz zur AfD, deren Spitzenvertreter sich am Donnerstag beeilten, den Täter als verwirrt herauszustellen und seine rechtsradikalen Ansichten damit zu verwässern: Ja, der Mann war ganz offensichtlich verwirrt, aber er war immer noch klar genug, seine Taten mit gespenstischer, rassistischer Präzision auszuführen, und das mit Ansage. Eine Partei, die das nicht klar benennt, entzieht sich jeder demokratischen Grundlage und bereitet den Nährboden für das, was in Hanau geschehen ist, und für alles, was noch geschehen wird.

Thomas Welz,
GNZ-Chefredakteur

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