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Die Wirtschaft ächzt unter Corona

IHK-Konjunkturumfrage: Unternehmen erheblich unter Druck

22 Jan 2021 / 16:20 Uhr
Main-Kinzig-Kreis (re). Geschlossene Geschäfte, Kurzarbeit und Ausgangssperren: Die Maßnahmen zur Bekämpfung des Coronavirus behindern die Wirtschaft massiv. Die Nachfrage der Verbraucher lahmt, ihre Kauflust liegt weitgehend am Boden. Eine Folge: Die Konjunktur tritt vielfach bestenfalls nur auf der Stelle. Das spiegelt sich auch in der aktuellen Konjunkturumfrage der IHK Hanau-Gelnhausen-Schlüchtern zum Jahreswechsel wider.

Nicht nur Gastronomie, Hotellerie und innerstädtischer Einzelhandel leiden massiv unter den Beschränkungen, auch immer mehr Industriebetriebe spüren die Folgen. Wenn viele Kunden weniger konsumieren und, da in Kurzarbeit, auch weniger Geld ausgeben können, schlägt dies nach einer Vorlaufzeit auf die vorgelagerten Wertschöpfungsketten durch. Über diesen indirekten Weg sind mittlerweile auch viele Erzeuger von Ge- und Verbrauchsgütern von der coronabedingten Nachfrageschwäche betroffen. Lediglich die Sparten Bauwirtschaft, Internethandel, einige Dienstleistungszweige sowie die exportstarken Industrieunternehmen heben sich leicht positiv von der grauen bis tiefschwarzen Bewertung einer sehr verhaltenen konjunkturellen Entwicklung ab.

Erst in den nächsten Monaten, wenn die schweren Folgen der Pandemie hoffentlich langsam überwunden sind, wird sich zeigen, wie viele Unternehmen noch die Kraft zum Aufschwung haben. Das Problem: Immer häufiger mangelt es an Eigenkapital, und die zugesagten Überbrückungshilfen greifen nicht immer wie erhofft. Ohne eine solide Eigenkapitaldecke leidet die Kreditwürdigkeit von Unternehmen, die deswegen beim konjunkturellen Neustart nicht mehr mitziehen können. Ohne schnelle Abhilfe könnte der Mangel an Geld und Kreditwürdigkeit bei vielen Unternehmen den Aufschwung abwürgen.

Noch immer ist die Wirtschaft weit entfernt vom Vorkrisenniveau Anfang 2020. Der Erholungsprozess verläuft schleppend, er wird von Rückschlägen und Phasen der Hoffnungslosigkeit begleitet. Aber sehr viele Unternehmen haben den Mut noch nicht verloren. Sie kämpfen sich nun schon seit gut zehn Monaten durch die Krise.

Derzeit bezeichnen 24,4 Prozent der Unternehmen ihre wirtschaftliche Lage als „gut“. Das sind erfreuliche 5,3 Prozentpunkte mehr als im September und 9,6 Punkte mehr als im Mai 2020, aber fast zehn Prozentpunkte weniger als vor einem Jahr. Als „schlecht“ bewerten aktuell 31,1 Prozent der Unternehmen ihre Lage – das sind 2,5 Prozentpunkte mehr als im Frühherbst, aber immerhin 22 Punkte weniger als vergangenen Mai. Vor einem Jahr stuften lediglich 10,7 Prozent der antwortenden 206 Unternehmen aus allen wichtigen Branchen im Kreis ihre Lage als schlecht ein. IHK-Hauptgeschäftsführer Dr. Gunther Quidde gibt zu bedenken, dass bei Krisen im Wirtschaftskreislauf immer die Gefahr einer Ausbreitung bestehe. „Wenn fast ein Drittel aller Unternehmen die Lage als schlecht bezeichnet, dann ist das noch nicht der Beginn einer Krise, aber es ist ein Alarmzeichen. Denn wenn die Gegenwart kein Vertrauen einflößt, hängt es umso mehr an der Zukunftserwartung.“ Bei fast einem Drittel der antwortenden Unternehmen gibt es derzeit keinen Lichtblick für den weiteren Jahresverlauf. 30,1 Prozent der Betriebe sind laut Umfrage skeptisch. Ihnen stehen 26,8 Prozent Optimisten gegenüber. „Damit haben sich die Erwartungen seit September zwar etwas verbessert, aber das ist in Verbindung mit der pessimistischen Einschätzung der Gegenwart nicht genug, um einen selbsttragenden Aufschwung zu erreichen“, warnt Quidde.

Der IHK-Konjunkturklima-Indikator gewichtet die Angaben der Unternehmen zu Lage und Erwartungen. Mit 95 Punkten schneidet diese wichtige Kennzahl zwar etwas besser als im September (91,7) und deutlich besser als im Mai (63,4) ab, aber Anfang 2020 stand der Indikator bei 107,2, Anfang 2019 bei 120,5 und im Januar 2018 auf sensationell guten 131,9 Punkten. „Die sich 2019 langsam ankündigende Abschwächung der regionalen Konjunktur ist 2020 durch die Coronakrise massiv verstärkt worden“, so Quidde. „Schaffen wir nicht bald die Trendwende, wird auch 2021 ein Krisenjahr sein – mit schweren Konsequenzen, unter anderem für den Arbeitsmarkt, unsere Innenstädte und für den Tourismus im Spessart.“

Vorsichtig und oft mühsam arbeiten sich viele Industrieunternehmen aus der Coronakrise heraus. Ihre Lagebewertungen sind im Saldo weiterhin deutlich negativ, und auch die Erwartungen wurden zuletzt wieder nach unten korrigiert. Die Krise ist zwar nicht überwunden, aber wenigstens dürfte es bei den wichtigen Herstellern von Vorleistungs- und Investitionsgütern dieses Jahr wieder besser laufen. Bei den Produzenten von Ge- und Verbrauchsgütern – in diese Gruppe fallen auch die krisengeschüttelten Kfz-Zulieferer – sieht es deutlich verhaltener aus. „Es gibt aber auch eine gute Nachricht: Die Exporterwartungen der Industrie sind deutlich gestiegen. Aber die Nachfrage aus China kann keine Konjunkturlokomotive für uns sein. Da muss mehr geschehen“, sagt Quidde.

Der Handel steckt zu großen Teilen tief in der Krise – der IHK-Konjunkturklima-Indikator schafft es nur auf 90,6 Punkte, im Einzelhandel sind es bloß 60 Punkte. „60 Prozent der Einzelhändler schätzen die aktuelle Lage schlecht ein, 50 Prozent die Zukunft. Da schrillen alle Alarmglocken“, so Quidde. Nur bei den Großhändlern und im Internethandel sieht es besser aus – in beiden Sparten gibt es eine nennenswerte Anzahl an Unternehmen, die regelrecht im Konjunkturboom stehen und eine Fortsetzung des guten Trends erwarten. „Das Lagebild ist gespalten: Internet-Shopping boomt, während 2020 für den schon vorher gebeutelten innerstädtischen Einzelhandel die härteste Prüfung war. Die Pandemie hat die Innenstädte weiter geleert und seine Kunde vertrieben. Das wird aber nicht besser, wenn der Online-Handel verteuert wird“, warnt Quidde.

Im vielfältigen Dienstleistungsgewerbe ist das Lagebild sehr uneinheitlich: Alle befragten Gastronomen schätzen die Lage als schlecht ein. Das kann mitten im Lockdown nicht verwundern. Aber wenn 46,2 Prozent ihre künftige Geschäftslage als „eher ungünstiger“ einschätzen, wird klar: Diese Branche steht vor einem großen Umbruch. Die Gastronomie liegt am Boden, nur etwas über die Hälfte der Unternehmen hofft, die Krise zu überstehen. Das Transportgewerbe hat sich auf niedrigem Niveau etwas erholt, befürchtet aber im Jahresverlauf eine weitere Verschärfung der Krise. Banken und Sparkassen kämpfen nach wie vor mit niedrigen Zinsen; sie erwarten eine Blutspur in ihren Bilanzen, sobald Insolvenzen wieder erlaubt sind. Etwas besser gestaltet sich die Lage bei den personenbezogenen Dienstleistern, die nur geringe Schwankungen der Nachfrage kennen. Auch die Firmen, die anderen Unternehmen zuarbeiten, halten sich derzeit noch recht solide. Die Unternehmen haben im Verlauf der Krise ihre Investitionen zurückgefahren. Dies dürfte mit kleinen Korrekturen vorerst so bleiben. Wenn investiert wird, dann vor allen in Rationalisierungen und in den Ersatzbedarf. Wenn so gut wie gar nicht in die Kapazitätsausweitung (6,3 Prozent bei den Investitionsgüterproduzenten und 0,0 Prozent bei den Ge- und Verbrauchsgüterproduzenten) investiert wird, bleibt nicht viel Raum für einen Aufschwung. „Aber selbst in diesen schweren Zeiten leuchtet ein Hoffnungsschimmer der Marktwirtschaft: Der Anteil der Investitionen, die für Produktinnovationen getätigt werden, liegt mit 62,5 Prozent bei den Investitionsgüterproduzenten hoch und kommt selbst im schwer getroffenen Gastgewerbe auf 16,7 Prozent. Das hilft nicht heute und nur wenig morgen, ist aber die Grundlage für ein besseres Übermorgen“, freut sich Quidde.

In vielen Branchen wird es dieses Jahr keine nennenswerten Neueinstellungen geben. Der Arbeitsmarkt wird von der Coronakrise zunehmend erfasst. Ende Dezember 2020 waren bei der Agentur für Arbeit Hanau insgesamt 12 650 Frauen und Männer arbeitslos gemeldet – 3 473 mehr als vor einem Jahr. Die Lage ist nicht leicht zu überblicken, weil die aktuellen Zahlen zur Kurzarbeit noch nicht vorliegen. Im August 2020, weit vor dem zweiten Lockdown, hatten im Main-Kinzig-Kreis 1 482 Betriebe Kurzarbeit für 11 330 Beschäftigte beantragt.

Gespalten ist die Lage auch bei den Finanzen: Immerhin 54,7 Prozent der Unternehmen stellen bislang keine negativen Folgen fest. Leider sehen das aber die anderen 45,3 Prozent ganz anders. Rund ein Fünftel dieser Teilmenge kämpft mit Liquiditätsengpässen, fast ein Viertel verzeichnet einen substanziellen Verlust an Eigenkapital, ein Sechstel erwartet mehr Forderungsausfälle. Nur 4,4 Prozent sehen sich unmittelbar vor der Insolvenz. Je nach Branche sehen die Angaben sehr unterschiedlich aus, aber selbst in der arg gebeutelten Gastronomie befürchten derzeit nur 15,4 Prozent der Unternehmen eine Insolvenz. „Angesichts der ernsten Gesamtlage sind das verhältnismäßig gute Werte“, sagt Quidde. „Das ist auch ein Verdienst der staatlichen Hilfsprogramme. Sie haben 2020 mitgeholfen, das finanzielle Ausbluten zu verhindern. 2021 kommt es darauf an, sie für die Unternehmen verlässlicher und mit längerfristiger Perspektive zu gestalten – und sie dann behutsam, aber konsequent auslaufen zu lassen, um die Staatsfinanzen nicht noch stärker zu belasten und damit die Steuerzahler.“

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