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Ein Jahr nach „Corona-Fall 1“

Kreisspitze blickt zurück auf die erste Welle der Pandemie, Fälle unter Sommerurlaubern, die zweite Welle und Perspektiven fürs Frühjahr

02 Mrz 2021 / 15:55 Uhr
Main-Kinzig-Kreis (re). Am Mittwoch jährt sich der erste Corona-Fall, den das Gesundheitsamt des Main-Kinzig-Kreis bekanntgegeben hat. Für Landrat Thorsten Stolz stellt dieses Datum den „Beginn einer sehr harten Prüfung für die gesamte Gesellschaft“ dar. „Nie zuvor seit Bestehen des Main-Kinzig-Kreises, auch zu keiner Zeit seit dem Kriegsende, sind wir alle derart aus unserem Alltag herausgerissen und auf elementare Fragen zurückgeworfen worden: Wie schützen wir Mitmenschen, wie retten wir Leben, wie versorgen wir einzelne Betroffene und große Einrichtungen?“

Die erste Person, die im Main-Kinzig-Kreis nachweislich mit dem Coronavirus infiziert ist, wohnt in Hanau. Viele Fragen tauchen im Frühjahr 2020 auf. Der Main-Kinzig-Kreis beantwortet sie seit vergangenem März täglich am Bürgertelefon. Auf bestimmte Fragen gibt es zu dem frühen Zeitpunkt keine abschließenden Antworten: Wie findet die Übertragung statt? Wie hoch ist die Dunkelziffer? Ist das Virus für alle Altersgruppen gleichermaßen gefährlich? Wie sinnvoll ist es, Privatkontakte drastisch zu reduzieren? Was ist mit Schul- und Kitakindern?

„Wir sind mit dem Verwaltungsstab von Beginn an immer fachlich geleitet vorgegangen, aber haben auch eher auf Nummer sicher gesetzt. Niemand konnte im März 2020 die Frage beantworten, wie bedrohlich das Virus sein würde, keiner hatte ein Patentrezept in der Schublade, wie mit all den Fragen umzugehen war“, blickt Landrat Stolz zurück. Erst nach und nach sei deutlich geworden, dass es in dieser ersten Phase vor allem ältere Menschen sein würden, die ein hohes Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf haben. „Aber kein Bereich der Gesellschaft ist vor einer Virusübertragung gefeit, weder die Schulen und Kitas noch die Heime, auch nicht die Arbeitsorte, vor allem nicht der private und familiäre Bereich. Das war in der ersten Welle schon so, und leider ist das bis heute so, wenn auch die Impfungen daran viel zu ändern vermögen. Das ist die Hoffnung für uns alle und auch ein gewichtiger Grund für Zuversicht.“ Wenn Gesundheitsdezernentin Susanne Simmler an den ersten Fall vor einem Jahr denkt, fällt ihr der Anruf einer Hanauer Bürgerin ein. „Wo wohnt dieser erste Fall, und wer ist das genau? Das muss die Öffentlichkeit doch vom Gesundheitsamt wissen, um dem Virus aus dem Weg gehen zu können! Diese Erwartung war vor einem Jahr ziemlich verbreitet“, erinnert sie sich. „Dahinter steckt ein nachvollziehbarer Wunsch. Wir hätten unseren liebgewonnenen Alltag gerne alle fortgesetzt und das Virus auf kleinste Radien begrenzt. Aber als sich dann die Fälle aus den Wintersportregionen, vor allem aus Ischgl, massiv häuften, auch die Ansteckungen, die dann überall innerhalb der Region nachgewiesen werden konnten, da war schnell klar, dass das nicht mehr geht.“

Das Gesundheitsamt und alle damit verbundenen Ämter mussten sich auf eine breitangelegte Pandemie-Bewältigung einstellen. „Es ist, bei aller Kritik, die wir manchmal einstecken müssen, eine gute Leistung, dass Bürger, Verwaltungen der Städte und Gemeinden, Hilfsverbände, Unternehmen und der Kreis eng zusammenarbeiten“, lobt Simmler.

Der Bereich Hygiene im Gesundheitsamt, bis vor einem Jahr noch mit 17 Personen besetzt, wächst zunächst auf bis zu 150 Personen an. Das Ziel: Kontakte nachverfolgen. Innerhalb des Amts bilden sich Fachteams: für Heime, Schulen, Arztpraxen. Zunächst wird das Personal aus allen Verwaltungsteilen zusammengezogen, nach und nach werden sie durch neu angeworbene Kräfte ersetzt. „Die Pandemie hat uns immer wieder an Grenzen geführt. Ich denke zu Beginn vor allem an die Organisation von Schutzausrüstung, dann an technische und digitale Hilfsmittel im Gesundheitsamt, an die Unterstützung der Pflegeheime oder die Organisation von Schnelltestmöglichkeiten – alles Dinge, die wir vor Ort entscheiden können“, so Simmler. Neue digitale Instrumente sind hinzugekommen, als einziger hessischer Landkreis bietet der Main-Kinzig-Kreis eine App an, die die Kontaktpersonennachverfolgung vereinfacht und Daten von Kontakten direkt in die Systeme des Gesundheitsamtes einspielt, um so die Zettelwirtschaft zu beenden.

Die erste Welle klingt ab, im Sommer gibt es tageweise keine einzige Neuinfektion. Die Schulen bewegen sich im Normalbetrieb Richtung Sommerferien. In den letzten Wochen vor den Ferien treten die ersten Fälle und Ausbrüche im Umfeld von Menschen auf, die aus dem Urlaub oder von einer Geschäftsreise zurückkehren. „Reise-rückkehrer“ werden das neue bestimmende Thema. Der Kreis geht bei der häuslichen Isolierung für Rückkehrer konsequent voran, nicht ohne Widerstände. Aber eben auch nicht ohne Grund: Eine kleine neue Welle baut sich bei den Neuinfektionen auf, die durch neuerliche Einschränkungen – punktuell und auf den Westkreis beschränkt – zunächst eingedämmt werden kann. Ab Oktober rollt die größere und bis heute viel heftigere Corona-Welle, begleitet von Hinweisen von Virologen, dass sich Varianten des Coronavirus ausbreiten, infektiöser und auch bei jüngeren Menschen ansteckender. Der Bereich Hygiene im Gesundheitsamt wird noch deutlich vergrößert, auf über 200 Personen, unterstützt durch Kräfte der Bundeswehr.

Für Schuldezernent Winfried Ottmann sind die Hinweise auf Virusvarianten „aktuell die größte Unbekannte auf unserem Weg in eine Verstetigung von Unterricht und Betreuung“. Er verweist auf erste Ausbrüche in Kindertagesstätten in diesem Jahr, die sich so in der ersten Welle nicht gezeigt hätten. „Wir haben die Strategie angepasst, in einem enorm vergrößerten Radius zu testen und mehr Kinder und Jugendliche in häusliche Isolierung zu schicken. Das ist definitiv eine sehr weitgehende Veränderung, aber die Situation erfordert es einfach.“

Ein Jahr Corona-Pandemie bedeutet auch ein Jahr voller Zahlen. Fast 15 000 Menschen haben sich in zwölf Monaten mit dem Virus infiziert, mehr als 13 600 haben die akute Infektion überstanden. 471 Tote sind zu beklagen, überwiegend Menschen hohen Alters. Mittlerweile liegt die Sieben-Tage-Inzidenz, die das Infektionsgeschehen beschreibt, zwischen 80 und 90. Ein hoher Wert nach wie vor, aber deutlich niedriger als Ende Dezember mit Werten jenseits der 300. Seinerzeit gab es zahlreiche Ausbrüche in Alten- und Pflegeheimen; unter den Menschen im Alter von über 60 liegt der Inzidenzwert jedoch seit einigen Wochen konstant unter dem Wert für den gesamten Kreis, nämlich im Bereich zwischen 60 und 70.

Die Impfzentren arbeiten täglich, mit über 17 000 Menschen gibt es mittlerweile mehr Geimpfte als einst Infizierte. Die Impfungen bremsen die Ausbreitung und können schwere Krankheitsverläufe deutlich reduzieren. Immer mehr Menschen werden sich kurz- und mittelfristig für diesen Impfschutz entscheiden können. All das war vor einem Jahr so im Main-Kinzig-Kreis noch nicht zu erwarten.

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