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Ein Leben im Dienste der Kliniken

Klaus Weigelt, stellvertretender Pflegedirektor, geht in Ruhestand

28 Mai 2021 / 09:06 Uhr

Main-Kinzig-Kreis. Klaus Weigelt war fast 43 Jahre lang an den Main-Kinzig-Kliniken tätig, zuletzt als stellvertretender Pflegedirektor. Im Interview blickt er zurück auf seine berufliche Laufbahn und auf den Wandel des Krankenhauses im Laufe der Jahrzehnte.

Sie waren seit 1978 in den Main-Kinzig-Kliniken tätig, das waren bis zum Abschied fast 43 Jahre. Sie wurden nicht nur hier geboren, sondern haben auch Ihr gesamtes Berufsleben hier verbracht. Wie fühlt sich das im Rückblick an?

Um es zusammenzufassen: Ich würde es heute wieder genauso machen. Wenn ich zurückblicke, kamen in der Tat interessante Dinge zusammen. Mit dem Krankenwagenfahrer, der meine Mutter einst zu meiner Geburt in die Klinik brachte, bin ich später während meines Zivildienstes Einsätze gefahren. Geboren wurde ich an der Stelle, an der heute das Ambulante OP-Zentrum ist. Mit dem Chefarzt, der mich auf die Welt brachte, habe ich später als Anästhesiepfleger im gynäkologischen OP zusammengearbeitet. Vielleicht war das alles so vorgesehen.

Also wurde Ihnen die Leidenschaft für das Krankenhauswesen in die Wiege gelegt?

Eigentlich war das eher Zufall. Ich hatte begonnen, Betriebswirtschaft zu studieren und wollte Lehrer am Wirtschaftsgymnasium werden. Doch dann kam der Zivildienst dazwischen, den ich im Rettungsdienst beim DRK Gelnhausen absolvierte. Alles hat dann seinen Lauf genommen, und mir war schnell klar, dass ich nach einer Krankenpflegeausbildung in der Anästhesie arbeiten möchte.

Sie waren Rettungssanitäter, absolvierten die Pflegeausbildung und kamen dann direkt in die Anästhesieabteilung. Dort waren Sie zwei Jahre tätig, bevor Sie sich berufsbegleitend zum Fachpfleger für Anästhesie und Intensivpflege weiterbildeten. Es folgten der Stationsleiterkurs und die Weiterbildung zum Pflegedienstleiter. 1997 wurden Sie zum Pflegedienstleiter ernannt. Schloss sich mit Ihren Führungsaufgaben der Kreis, was das Betriebswirtschaftliche angeht?

Gewissermaßen ja. Ich war leidenschaftlicher Anästhesiepfleger, habe damals gemeinsam mit den Mitarbeitern des DRK den ersten Notarztwagen eingerichtet und bin auch als Anästhesiepfleger noch einige Zeit Einsätze mitgefahren. In den Kliniken hatte ich von Anfang an die Möglichkeit, zu wachsen und Entwicklungen mitzugestalten. Die Vielfalt dessen, womit ich mich beschäftigt habe, hat mir immer sehr gefallen. Es hat sich ja unheimlich viel gewandelt in all den Jahren – nicht nur in der Pflege, sondern auch im Krankenhaus allgemein.

Sie waren mehr als zehn Jahre Mitglied im Personalrat, für einige Zeit freigestellter Personalratsvorsitzender und als Personalvertreter unter anderem an der Umgründung des Eigenbetriebs in die GmbH beteiligt. Was machte den Wandel der Klinik aus Ihrer Sicht aus?

Ich habe Zeiten erlebt, in denen gewissermaßen verwaltet wurde. Das ist mit dem heutigen Management nicht mehr zu vergleichen. Das waren dynamische Entwicklungen, auch aufgrund der Reformen des Gesundheitssystems und der Finanzierungssysteme. Entsprechend haben sich natürlich auch die Kliniken verändert. Heute werden bedeutend mehr Patienten als zu Beginn meiner Laufbahn versorgt, es wurden neue Schwerpunkte gebildet. Wir haben Um- und Anbauten vorgenommen, und zwar alle im laufenden Betrieb. Hierzu vielleicht ein paar Beispiele: Als ich in Gelnhausen angefangen habe, gab es keinen 6. Stock, keinen OP-Anbau, und das Gebäude der Kinder- und Frauenklinik war noch nicht saniert. Die jetzige Intensivstation befand sich noch getrennt im zweiten und vierten Stock. Aus den damaligen paar Zimmern für die Verwaltung im Hauptgebäude ist ein ganzes Verwaltungsgebäude entstanden. Und es gab auch keinen Computer auf der Station, nur ein Übergabebuch und die Krankenakten.

Was hat sich für die Mitarbeiter, speziell in der Pflege, sonst noch verändert?

Als ich meine Ausbildung begann, war ich der einzige Mann im Kurs. Früher gab es im gesamten Haus vielleicht zehn Pfleger. In den Teams hat sich einiges verändert, aber auch in den Arbeitsbedingungen. Zu damaligen Zeiten hatte die Pflege noch viel mehr Zeit, bedingt vor allem durch die längere Verweildauer der Patienten. Neben der Weiterentwicklung der Medizin und der immer älter werdenden Gesellschaft spielen natürlich auch wirtschaftliche Aspekte eine Rolle. Einen nicht unerheblichen Teil der Kosten für die Erweiterung und Verbesserung der Infrastruktur mussten die Kliniken selbst verdienen. Hierzu leistet auch die Pflege ihren Beitrag. Pflegefachkräfte sind richtig gut ausgebildet, die Pflege ist weit mehr als ein Assistenzberuf. Ich würde mir vor allem wünschen, dass sie wieder ausreichend Zeit haben, ihre Patienten zu versorgen. Dabei wäre es hilfreich, wenn die von der Politik angekündigte Entbürokratisierung und der damit verbundene Abbau des Dokumentationswahnsinns endlich gestartet würden. Es ist ein Problem, wenn das Gefühl entsteht, die Arbeit nicht so bewältigen zu können, wie man sich das vorstellt. Und dennoch: Es ist und bleibt ein toller Beruf, in dem man von Patienten viel zurückbekommt. Zum Glück gibt es immer noch viele dankbare Patienten, die das auch kundtun.

Gerade in Corona-Zeiten ist die Situation noch herausfordernder geworden. Bis Ende 2020 waren Sie in Ihrer Funktion noch intensiv in die Geschehnisse eingebunden. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

Das war und ist natürlich eine schwierige Situation, nicht nur für die Intensivstationen. Die Lage beschäftigt mich auch aktuell noch sehr. Die ersten beiden Wellen habe ich in den Kliniken aktiv miterlebt und mitgestaltet, beispielsweise haben wir in kürzester Zeit das Testzentrum aufgebaut. Das waren teilweise Sieben-Tage-Arbeitswochen. Insgesamt haben wir dank eines tollen Teams viele Dinge richtig schnell und unbürokratisch regeln können. Was ich nun leider beobachte, ist, dass das anfänglich starke Mitgefühl in der Bevölkerung verebbt ist und Pflege häufig als selbstverständliche Dienstleistung erlebt wird. Wir müssen aufpassen, dass es nach Corona nicht genauso weitergeht wie vorher und dass es in der Zukunft genug Menschen gibt, die pflegen.

In einem Interview sagten Sie einmal: „Wir müssen uns immer wieder bewusst machen, dass der Mitarbeiter der wertvollste Teil im Gesamtmechanismus Krankenhaus ist.“

Das würde ich heute noch genauso unterschreiben. Ohne Mitarbeiter geht gar nichts, ohne motivierte Mitarbeiter erst recht nichts. Es war mir immer wichtig, den Kontakt zu suchen. Natürlich bekommt man dabei auch Kritik ab, dennoch war mir die offene Tür wichtig und wertvoll. Ich erinnere mich, dass unverhoffte Dinge manchmal den Tag gesprengt haben. Den ganz normalen täglichen Wahnsinn zu organisieren ist schon eine Riesenaufgabe, gerade bei knapperen Ressourcen.

Und trotzdem hatten Sie immer einen humorvollen Spruch auf den Lippen...

Das stimmt, einige Kollegen sagten mir, sie würden meinen Humor vermissen. Natürlich macht man das nicht bewusst, das ist nun mal mein Wesen – aber man muss auch sagen, dass nicht jeder mit meinen lockeren Worten zurechtkam. Und in den vielen Jahren gab es natürlich nicht nur Sonnenschein, sondern auch Tage, an denen ich Unschönes erlebt oder mich hinterfragt habe.

Was bleibt Ihnen von den Kliniken in positiver Erinnerung?

Ich habe es genossen, das Vertrauen von Vorgesetzten zu haben. Dass man in seiner Verantwortung auch mal Fehler machen durfte und nicht gleich ausgewechselt wird – das ist heutzutage nicht mehr selbstverständlich. Ansonsten war mir wichtig, dass es im Team gut funktioniert. Und die ungeheure Vielfalt hat immer Spaß gemacht, denn ich habe ja in viele Bereiche Einblick bekommen, auch im Zuge der vielen Baumaßnahmen. Hinzu kam der Austausch mit verschiedenen Menschen innerhalb und außerhalb der Klinik.

Und davon gab es eine Menge, denn Sie haben Ihre Rolle sowohl intern als auch extern mit Herzblut ausgefüllt und vieles maßgeblich vorangebracht. Beispielsweise waren Sie Gründungsmitglied der Freunde und Förderer des Krankenhauses Gelnhausen und haben auch den Kontakt zu unserem Partnerkrankenhaus in Russland gepflegt.

Ja, hierbei ist mein lustiger Zusatztitel „Außenminister“ entstanden. All dies hat sich über viele Jahre entwickelt, und ich nehme tolle Erinnerungen mit.

Wie schwer fiel Ihnen der Abschied von all dem?

Was mich wundert: Ich hätte nie gedacht, dass mir das so leicht fällt, und das nach der arbeitsintensiven Corona-Phase. Die vielen Aufmerksamkeiten der Kollegen zu meinem Abschied haben mich berührt. Ein langjähriger Wegbegleiter, der meine Leidenschaft für Fußball teilt, sagte einmal zu mir: „Wenn das Spiel abgepfiffen ist, muss man das Feld verlassen.“ Insbesondere die Menschen, mit denen ich über sehr viele Jahre eng zusammengearbeitet habe, vermisse ich total und habe auch zu einigen noch Kontakt. Aber ich genieße auch meine Rentenzeit. Wir haben uns ein Wohnmobil gekauft – sobald die Campingplätze aufmachen, geht es los.

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