SUCHE

Gedenken, Mahnung und Hoffnung

Erklärung zum Jahrestag des Hanauer Attentats

18 Feb 2021 / 15:00 Uhr
Main-Kinzig-Kreis (re). Anlässlich des morgigen ersten Jahrestags des rassistisch motivierten Anschlags von Hanau haben die Spitze des Main-Kinzig-Kreises um Landrat Thorsten Stolz, Erste Kreisbeigeordnete Susanne Simmler und Kreisbeigeordneten Winfried Ottmann zusammen mit Hanaus Oberbürgermeister Claus Kaminsky sowie den Bürgermeistern der anderen 28 Städte und Gemeinden im Main-Kinzig-Kreis eine gemeinsame Erklärung herausgegeben, die wir im Wortlaut veröffentlichen.

„Der 19. Februar 2021 ist für die Menschen im Main-Kinzig-Kreis ein Tag des Gedenkens, der Mahnung, der Verantwortung und der Hoffnung zugleich. Gedenken daran, dass am 19. Februar neun Menschen in Hanau einem feigen und unerklärlichen rassistischen Anschlag zum Opfer gefallen sind. Der 19. Februar wird für uns und in der Region ewig mit der Schreckenstat verbunden bleiben. Ein Jahr nach der Tat gedenken wir gemeinsam der Opfer. Sie sind und werden niemals vergessen. Gökhan Gültekin, Sedat Gürbüz, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Hamza Kurtovi, Vili-Viorel Paun, Fatih Saraçoglu, Ferhat Unvar, Kaloyan Velkov. Ihre Namen stehen für Menschen aus unserer Mitte, die noch viele Träume und Ziele hatten und die gewaltsam aus dem Leben gerissen wurden.

Wir sehen den Schmerz der Familien, die um sie trauern. Wir hören und verstehen die Fragen, die sich für sie noch immer stellen. Die Frage nach dem Warum wird sich nie abschließend beantworten lassen, der Schmerz niemals verschwinden. Unsere Gedanken sind in diesen Tagen bei den Hinterbliebenen. Ihnen gilt unser fortwährendes Mitgefühl. Und unsere Achtung gilt der Hanauer Stadtgesellschaft, die in den schwersten Stunden in der jüngeren Geschichte der Brüder-Grimm-Stadt ein herausragendes Maß an Solidarität, Nächstenliebe und Zusammenhalt gezeigt hat.

Gerade deshalb ist der 19. Februar auch ein Tag der Verantwortung und Mahnung. Eine Mahnung, wachsam zu sein und jeder Form von Gewalt, Hass, Hetze und Menschenverachtung bereits in ihren Anfängen zu begegnen. Dass wir in Deutschland in Frieden, Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit leben, ist keine Selbstverständlichkeit. Das müssen wir uns immer wieder vor Augen führen. Wir alle tragen die Verantwortung, eine Gesellschaft aufzubauen, die von Toleranz, gegenseitiger Achtung, Respekt und Menschlichkeit geprägt ist. Das ist eine Verantwortung, die nicht abstrakt ist, sondern jeder Einzelne von uns hat – egal welcher Nationalität, Herkunft, Religion oder politscher Überzeugung er angehört. Die Verantwortung, jederzeit für unsere freiheitlich, demokratische Grundordnung einzutreten. Der Staat, seine Institutionen und jeder Einzelne von uns sind gerade in diesen Zeiten aufgerufen, alljenen mit Entschlossenheit zu begegnen, die entweder aus politischer Verblendung, religiösem Fanatismus oder aus anderen niederen Beweggründen heraus ein anderes Deutschland wollen und unsere Grundwerte mit Füßen treten.

Der heutige Jahrestag ist zugleich aber auch ein Tag der Hoffnung. Es ist die Hoffnung, dass sich die überwältigende Mehrheit der Menschen in Deutschland klar gegen Gewalt, Hass und Hetze abgrenzt. Vielmehr ist es notwendig, gemeinsam ein Leben zu gestalten, wie wir es uns doch alle wünschen: in Einigkeit und Recht und Freiheit.

So geht von diesem Jahrestag auch ein klares Zeichen gegen Worte des Hasses, der Ausgrenzung und gegen Verschwörungstheorien aus, die zum Nährboden für Taten Einzelner werden können. Die Tat von Hanau führt uns immer wieder vor Augen, was passiert, wenn aus Angst Hass wird: Aus Angst wird Hass, und aus Hass wird Wut, und Wut führt ganz oft zu unsäglichem Leid.

Es ist deshalb notwendig, aus der Tat des 19. Februar für die Zukunft zu lernen und vor der Vergangenheit nicht die Augen zu verschließen – genau darin liegt auch die Hoffnung dieses Tages.

Wir, die kommunalpolitischen Verantwortungsträger, appellieren an alle Bürger: Jeder von uns kann im eigenen Umfeld einen Beitrag für ein friedliches Miteinander und einen respektvollen Umgang untereinander leisten. Die Gesellschaft zusammenzuhalten, Menschen zusammenzuführen, anstatt zu spalten – das ist unsere gemeinsame Aufgabe. Das sind wir den Opfern des 19. Februar, ihren Familien, Angehörigen und Freunden schuldig.“

Der Hessische Rundfunk überträgt die morgige Gedenkfeier zum ersten Jahrestag des Anschlags von Hanau ab 17.45 Uhr live im HR-Fernsehen. Bei der Veranstaltung wird auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sprechen. Rund um den Jahrestag berichtet der HR mit mehr als 40 Beiträgen über das Thema – auf eigenen Kanälen, für die ARD und für Arte. So zeigt das HR-Fernsehen morgen ab 20.15 Uhr den Film „Hanau – Eine Nacht und ihre Folgen“. Die Dokumentation nimmt die Perspektive der Hinterbliebenen ein und zeigt ihr Erinnern und ihren Blick auf das, was geschah – vor, während und nach der Tat. In der ARD-Mediathek ist der Film bereits jetzt zu sehen. Auch im Radio, online unter hessenschau.de sowie in den Social-Media-Angeboten des Senders stehen – neben der nüchternen Bestandsaufnahme und der Frage nach den politischen Konsequenzen des Anschlags – die Opfer, die Angehörigen und Freunde im Mittelpunkt. Wie verarbeiten sie den Anschlag? Wie wurde und wird ihnen geholfen? Und wie lebt es sich heute in dem Stadtteil, aus dem auch der Attentäter kommt?

Die Stadt Hanau setzt darüber hinaus auf der zentralen Internetseite www.hanau-steht-zusammen.de ein digitales Denkmal, mit dem sie der Opfer gedenkt und deutlich macht, mit welchem Nachdruck und welch großer Bandbreite an Angeboten und Aktionen sie das Versprechen „Hanau steht zusammen“ mit Leben füllt. Die Seite geht in der Nacht zum Freitag online. Morgen ist dort ab 17.30 Uhr als Live-Stream eine Sondersendung zu sehen, inklusive der Liveübertragung des Hessischen Rundfunks von der offiziellen Gedenkfeier. „Es ist unser unverrückbarer Anspruch, die Opfer des 19. Februar 2020 niemals zu vergessen. Das digitale Denkmal ist ein nachhaltiges, lebendiges Ausrufezeichen und gleichzeitig ein Aufruf, eine solche Tat nie wieder geschehen zu lassen“, sagt Oberbürgermeister Claus Kaminsky. Mit Videos, Fotos, Hintergrundtexten und Möglichkeiten der Interaktion ist das digitale Denkmal im Gegensatz zu einem herkömmlichen Denkmal lebendig und dynamisch, es entwickelt sich weiter und lädt jeden Besucher dazu ein, sich für Vielfalt und Toleranz zu engagieren.

GNZ-Redakteurin Nicole Schmidt hat mit einigen der Menschen gesprochen, deren Leben der 19. Februar 2020 für immer verändert hat. Die Beiträge lesen Sie am Freitag, 19. Februar, auf einer Doppelseite in der GNZ.

Weitere Meldungen aus der Region
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4

Schlagwörter: