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„In Angst und Unsicherheit sind wir dümmer“

Neurowissenschaftlerin Maren Urner erklärt beim Jahresempfang des Behindertenwerks Main-Kinzig, wie wir unser Gehirn umerziehen können

01. Juli 2022 / 19:56 Uhr
Main-Kinzig-Kreis (pfz). Bisweilen überfordern uns die schlechten Nachrichten, die unser Gehirn täglich verarbeiten muss. Gut für denjenigen, der das Smartphone einfach weglegen und die Gedanken abschalten kann. Dabei hat das Gehirn eine Vorliebe für Negatives, sagte Professorin Maren Urner heute beim Jahresempfang des Behindertenwerks Main-Kinzig (BWMK) im Brockenhaus Hanau. Die Neurowissenschaftlerin der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft Köln erklärte aber auch, wie wir uns vor dem Strudel schlechter Nachrichten schützen können und wie wir unser Gehirn umerziehen, um Positives zu bewirken, statt im Negativen zu versinken.

Einer der Gründe, warum Menschen sich komplett vom Weltgeschehen distanzieren möchten: erlernte Hilflosigkeit. „Das passiert, wenn wir immer wieder kommuniziert bekommen, dass wir sowieso nichts am Geschehen ändern können“, schilderte Maren Urner. Ein völlig falscher Ansatz. Zeichnet es doch die Menschen als Spezies aus, dass sie lösungsorientiert denken und handeln können. „Doch das Gehirn macht es uns nicht einfach“, so die Neurowissenschaftlerin. Unser Verstand steht gerade zu auf das sogenannte Doom-Scrolling, das schier endlose Konsumieren schlechter Nachrichten. Das Gehirn ist darauf optimiert, Gefahren zu kennen und uns am Leben zu halten; „es arbeitet bei Gefahr schneller und intensiver“.

Gleichzeitig gilt aber auch: Umso mehr schlechte Nachrichten wir hören, desto mehr nehmen Angst und Unsicherheit Besitz von uns. „Und wenn Angst dominiert, treffen wir keine guten Entscheidungen mehr. Dann bricht das Gehirn seine Funktionen auf das Notwendigste herunter. Man kann sagen: In Angst und Unsicherheit sind wir dümmer“, sagte Urner. Tatsächlich sinke laut Studien der IQ, weil die Gehirnregionen blockiert sind, die uns langfristig und lösungsorientiert denken lassen. Was hilft, bevor man schlechte Entscheidungen trifft: ein paar tiefe Atemzüge. Das sei nicht nur so dahergesagt, versicherte die Professorin.

Die Gefahr, die bei zu vielen schlechten Nachrichten besteht: Der Angstmodus wird zur Normalität. „Und das sorgt dann dafür, dass wir nicht mehr daran glauben, etwas verändern zu können.“ Dann ist sie im Kopf, die erlernte Hilflosigkeit. Der Mensch sei dann handlungsunfähig, wie der Käfer, der auf dem Rücken liegt. „Die schlechte Nachricht ist, die Hilflosigkeit ist schnell erlernt. Die Gute ist: Wir können auch das Gegenteil lernen“, sagte Maren Urner.

Und sie machte gleich allen Mut, die gerne sagen, dass sie zu alt seien, um sich noch etwas Neues anzueignen: „Das Hirn verändert sich bis zum letzten Synapsenfunken. Wir lernen ein Leben lang und wir verändern uns ein Leben lang. Die Frage ist also nicht, ob wir uns verändern wollen, sondern wie wir uns verändern wollen.“ Ständig interagieren in unserem Kopf neue Eindrücke mit dem, was wir schon kennen. Urner versicherte: Wir können bestimmen, wie wir unseren Verstand ausrichten wollen und welche Infos wir an uns heranlassen; „das machen wir bislang noch nicht gewissenhaft genug“, betonte sie: „Wir haben viel Verantwortung und die Chance unser Denken und Handeln zu verändern.“

Doch wie? Der Trick heißt: dynamisches Denken, sich nicht zu fragen, wogegen man ist, sondern wofür. „Das ist ein Riesenunterschied. Mit einer Abwehrhaltung, einer Suche nach dem Schuldigen, schauen wir mit verschränkten Armen in die Vergangenheit. Dabei zeichnet uns die Vorstellungskraft aus, der Blick in die Zukunft. Diese Kraft hat uns auf den Mond fliegen und Impfstoffe erfinden lassen. Sie hat uns als Spezies so erfolgreich gemacht“, sagte Maren Urner.

Darüber hinaus sollten wir uns weniger darauf konzentrieren, was uns von anderen Menschen unterscheidet. „Schauen wir darauf, was uns mit anderen verbindet. Es ist ein fundamentaler Unterschied: Denn wenn ich mich zugehörig fühle, dann vertraue ich, dann höre ich zu. Wenn wir einen gemeinsamen Nenner finden, dann können wir schauen, wo wir gemeinsam hinwollen. Das kreiert ein anderes Bild in den Köpfen, ein anderes Denken, das dann auch zu einem anderen Handeln führt.“ Die Neurowissenschaftlerin unterstrich, wie wichtig dabei die Kommunikation zwischen den Menschen sei. Denn jedes Gehirn sei nunmal anders: „Die einzige Chance, uns gegenseitig zu verstehen, ist miteinander zu reden.“

Mehr in der GNZ vom 2. Juli.

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