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Norbert Reichhold nimmt seinen Hut

Eine große Entscheidung, eine kleine Gästeliste und ein außergewöhnlicher Gastredner beim Jahresempfang der IHK Hanau-Gelnhausen-Schlüchtern

18 nov 2021 / 23:30 Uhr
Hanau (nic). Als Dr. Norbert Reichhold bei der Begrüßung aus seiner allerersten Ansprache als Präsident der IHK Hanau-Gelnhausen-Schlüchtern im August 2009 zitierte, da mag vielleicht den einen oder die andere im Saal die leise Ahnung beschlichen haben, dass dies nicht ohne Grund geschehe. Wenige Minuten später war eben jener dann auch offiziell: Es sollte, wie ein sichtlich angefasster Norbert Reichhold seinen Gästen mitteilte, sein letzter Jahresempfang als IHK-Präsident gewesen sein. Nach dann 13 Jahren wird er Ende März 2022 von seinem Amt zurücktreten.

Es war ein gleich in mehrerlei Hinsicht „anderer“ Jahresempfang, als ihn die Gäste aus Wirtschaft, Politik, Kultur und Gesellschaft aus der Vergangenheit kannten, und das nicht nur aufgrund des angekündigten Rückzugs des langjährigen Präsidenten. Der noch längst nicht überwundenen Corona-Pandemie geschuldet, standen in diesem Jahr statt wie sonst üblich gut 450 diesmal nur ganze 150 Namen auf der Gästeliste – so viele eben, wie es das Hygienekonzept für den Saal im Congress Park Hanau maximal erlaubt hat. Platziert an Tischgruppen gab es für jene ein gemeinsames Abendessen. Durchaus bemerkenswert war überdies der Gastredner, den die IHK diesmal eingeladen hatte.

Einen nämlich, der ausgerechnet die viel beschworene und in jeder Hinsicht unerlässlich scheinende Digitalisierung vor allem in Hinblick auf ihre die „Nebenwirkungen“ betrachtet – und jene dabei nicht sonderlich gut wegkommen lässt: Professor Manfred Spitzer, Neurowissenschaftler und seit 1997 Ärztlicher Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik in Ulm. Er hat mehrere Bücher über die in seinen Augen drastischen Nebenwirkungen der Digitalisierung geschrieben, darunter Titel wie „Digitale Demenz“ und „Die Smartphone-Epidemie“ und sagt ziemlich überzeugt, dass Handys dumm, dick und krank machen und überdies unsere Gesellschaft zerstören. Besonders drastisch seien die gesundheitlichen Folgen dauerhafter Smartphonenutzung für Kinder und Jugendliche, deren Augenlängenwachstum noch nicht abgeschlossen ist. Wenn jene andauernd in die Nähe, sprich aufs Handy, schauten, führe das zu Kurzsichtigkeit, erklärte Spitzer – und präsentierte eine durchaus beunruhigende Hochrechnung, nach der im Jahr 2050 beinahe 50 Prozent der Weltbevölkerung kurzsichtig sein werden. „Wenn Jugendliche jeden Tag drei bis vier Stunden auf ihr Smartphone schauen – Netflix und Computer sind da noch gar nicht eingerechnet – wird klar, dass hier aus augenheilkundlicher Sicht ein großes Problem besteht.“

Daneben seien auch Bluthochdruck, Diabetes und Übergewicht mögliche Folgen des digitalen Lebens und damit gleich drei Risikofaktoren für Schlaganfall und Herzinfarkt. Corona habe das Problem nur verschärft. Zum Beleg seiner Thesen zog der Wissenschaftler eine Vielzahl unterschiedlicher Studien heran. Solche beispielsweise, in denen eine negative Korrelation zwischen der Nutzung von Bildschirmmedien im Kleinkindalter und dem IQ sichtbar wird. Ein Grund dafür, warum Spitzer meint, dass Tablets in Schulen nichts verloren haben und sie „Lernverhinderungsmaschinen“ nennt.

Anders als ihm seine Kritiker vorwerfen, will Spitzer aber keineswegs als Computerhasser verstanden werden, der sich in die digitale Steinzeit zurücksehnt. Jedoch müssten gerade Kinder und Jugendliche vor digitalen Gefahren geschützt werden, so seine Forderung. „Ich bin dafür, dass Digitalisierung allen Menschen dient“, sagte er. „Und nicht nur ein paar Milliardären.“ Dem stimmte IHK-Präsident Norbert Reichhold selbstredend zu, nachdem er zuvor zum letzten Mal in diesem Rahmen nochmals die Lage der heimischen Wirtschaft in den Blick genommen hatte und von ähnlich turbulenten Zeiten sprach wie in der Wirtschaftskrise 2009. Seitdem sei die Bevölkerung im Main-Kinzig-Kreis jedes Jahr durchschnittlich um 1 000 Personen gewachsen, also insgesamt von 408 000 auf 421 000 Einwohner, und erfreulicherweise ebenso die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten sowie die Kaufkraft, die mit 25 000 Euro gut 500 Euro über dem hessischen Durchschnitt liege.

Nichtsdestotrotz gelte es künftig, die Stärken der Region weiter herauszustellen und die Defizite abzubauen. Wichtige Schienenverkehrsprojekte, die von Hanau angestrebte Kreisfreiheit oder schnelles Internet seien auf dem Weg, auch wenn hier und da an einigen Stellen nachgeschärft werden müsse. Große Sorge bereitet Reichhold nach wie vor der Fachkräftemangel, wobei es hier auch gelte, mit sogenannten weichen Standortfaktoren bei potenziellen Arbeitnehmern zu punkten. „Hanau hat das mit Unternehmen der Materialwirtschaft bereits vorgemacht, die Spessart Tourismus und Marketing GmbH ist jetzt ebenfalls dran“, lobte er, bevor er abschließend nochmals sehr deutlich die Bedeutung des ehrenamtlichen Engagements für das Gemeinwohl heraushob.

Die Entscheidung über seinen Rücktritt, sagte Reichhold im Gespräch mit der GNZ, habe er bereits vor Längerem, namentlich bei seiner Wiederwahl, getroffen. „Ich habe das sehr gerne noch mal gemacht, bin aber auch jemand, der nach einer gewissen Zeit Platz für Neues machen will“, sagte Reichhold, der im Januar seinen 66. Geburtstag feiert. Anfang kommenden Jahres wird er nach 34 Jahren in der Hanauer Kanzlei Ludwig Wollweber-Bansch auch seine Laufbahn als Rechtsanwalt beenden und sich mehr Zeit für seine Familie nehmen. „Ich freue mich sehr auf diesen neuen Lebensabschnitt“, fügte der scheidende IHK-Präsident hinzu. Seine Amtsperiode endet eigentlich erst 2024, bezüglich seiner Nachfolge hat sich nun eine Findungskommission gebildet, die im Rahmen der nächsten Vollversammlung am Mittwoch, 8. Dezember, einen Kandidaten vorschlagen wird. Bis zur Wahl könnten dann noch weitere Aspiranten ihren Hut in den Ring werfen.

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