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Plädoyer für die Europäische Union

Gegen Extremismus und übertriebenen Nationalstolz

22 Mai 2019 / 17:25 Uhr

Von GNZ-Chefredakteur Thomas Welz

Meine beiden Großväter waren nach Kriegsende traumatisiert. Der eine hatte in den letzten Wochen durch einen Granatsplitter ein Bein verloren, der andere musste nach blutigen Kämpfen an der Ostfront die Leichen von Desserteuren begraben. Beide sprachen wenig – und wenn überhaupt, dann nur sehr ungerne – über das, was sie erlebt hatten.

Was die beiden ebenfalls vereinte: Sie teilten die politische Überzeugung, dass in Deutschland nie wieder politische Extremisten das Sagen haben dürften. Jeder auf seine Art: der eine als überzeugter Christdemokrat, der andere als ebenso leidenschaftlicher Sozialdemokrat. Wenn der eine von politischen Extremisten sprach, meinte er die bösen Linken, der andere die bösen Rechten. Für mich war dieser Unterschied als Kind schwer zu fassen. Meine ungefähre Ahnung damals war, dass CDU und SPD den Rahmen absteckten, zwischen dem politisches Geschehen sich abspielen sollte. Links und rechts davon begann die Grauzone.

Ich erinnere mich an Familienfeiern, bei denen es hoch herging. Meine Großmütter pflegten die klare Ansage, dass auf keinen Fall über Politik diskutiert werden dürfe. Wurde es dann aber doch, und das bisweilen heftig. Das Ganze ging so weit, dass manches Fest frühzeitig beendet werden musste, weil die Emotionen hochgekocht waren. Obwohl sich eigentlich alle in einem wesentlichen Punkt einig waren: dass es nie wieder Krieg in Europa geben dürfe.

Da ich meine beiden Großväter gleichermaßen ins Herz geschlossen hatte, war die Vehemenz der politischen Auseinandersetzung für mich lange Zeit ein großes Rätsel. Wie konnten zwei Menschen, die ganz offensichtlich großes Leid erfahren hatten, daraus resultierend zu solch unterschiedlichen Auffassungen kommen? Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis ich in jungen Jahren zu dem Schluss kam: Man kann unterschiedlicher Meinung sein, keine davon muss richtig oder falsch sein, doch sie muss sich im Spektrum eines demokratisch definierten Miteinanders bewegen, das den Menschen ein freies Leben ermöglicht, in dem niemand ausgegrenzt wird und in dem niemandem ein persönlicher Schaden entsteht.

Warum ich Ihnen das alles erzähle? Weil die Generation meiner Großväter allmählich ausstirbt. Und mit ihnen die der Zeitzeugen, die nachfolgende Generationen durch ihre Erfahrungen prägt. Wenn meine Kinder heute von den beiden schrecklichen Weltkriegen des vergangenen Jahrhunderts hören, dann aus Geschichtsbüchern, ergänzt vielleicht um Anmerkungen meinerseits, die sich wiederum aus den fragmentarischen Berichten und dem Grauen meiner Großeltern speisen. Noch eine Generation weiter, und das Ganze wird verschwommen. Es fehlt dann zwangsläufig die persönliche Relevanz. So ähnlich wird es, noch später, auch mit der Teilung Deutschlands und der Wiedervereinigung sein. Schon heute ist dieser Teil der Geschichte für meine Kinder nur ein kleiner Zeitabschnitt von nicht mal 30 Jahren, der auf sie diffus wirkt und in seiner Tragweite nur schwer einzuordnen ist.

Europa ist für meine Kinder schon immer so, wie sie es heute erleben: ein Kontinent mit offenen Grenzen, in dem Menschen leben, die sich zwar in ihren Sprachen unterscheiden, die aber doch irgendwie zusammengehören. Sie empfinden die Unterschiede zwischen Schleswig-Holstein und Oberbayern nicht viel anders als die zwischen Hessen und Holland.

Als ich, gesegnet mit einem eigenen Führerschein, die ersten Male mit Freunden durch Europa reiste, musste ich zuvor zu Hause zu schlechten Wechselkursen verschiedene Sorten Geld bei der Bank eintauschen und später wieder zurücktauschen. Ich verbrachte unzählige Stunden an Grenzübergängen. Einmal musste ich gar an einer Grenze übernachten, weil mich eifrige Zollbeamte mein Auto bis auf den Benzintank hatten auseinanderbauen lassen.

An der Zonengrenze bei Herleshausen – wir hatten Verwandte in Ostdeutschland, ein weiteres Trauma meines Großvaters – erlebte ich das Grauen des Kalten Krieges in Reinform. Nie werde ich die patrouillierenden Schutzpolizisten mit ihren Maschinenpistolen vergessen, die den unangenehmen Eindruck erweckten, dass sie mit ihren Waffen jederzeit Ernst machen würden. Die Kontrollen waren geradezu ehrabschneidend. Sie wurden mit einer Strenge und einer Garstigkeit vorgenommen, die mir Angst machte. Und niemals werde ich vergessen, wie mein Vater einst in Thüringen DDR-Beamten 100 Mark in bar aushändigen musste – Westgeld, wohlgemerkt –, weil er in einer Altstadt aus Versehen ein paar Meter entgegen der Einbahnstraße gefahren war. Die Alternative wäre gewesen, die Nacht mit der Familie in einer Zelle zu verbringen.

Es sind die persönlichen Erlebnisse, die einen Menschen zu dem machen, was er ist. Die seine Überzeugungen prägen. Die Erfahrungen meiner Vorfahren und meine eigenen Erlebnisse haben auch mich geprägt. Ich weiß, dass ein geeintes Europa eine immense Errungenschaft ist, aber auch ein höchst fragiles Gebilde. Wenn Menschen aus unterschiedlichen politischen Lagern dieses Gebilde heute in Frage stellen, lässt mich das frösteln. Europa ist noch immer keine Selbstverständlichkeit, so traurig das klingt. Wenn heute Menschen in ihren Vorgärten Deutschlandfahnen hissen, dann mag das ein Stück weit patriotisches Selbstverständnis sein. Fraglos darf Deutschland stolz sein auf die demokratische Entwicklung, die es nach dem Zweiten Weltkrieg genommen hat, und die vielen Errungenschaften des demokratischen Miteinanders. Das Grundgesetz sei hier an erster Stelle genannt. Übertriebener Nationalstolz hat für mich indes immer einen faden Beigeschmack. Mir wäre wohler, wenn wir uns alle, wenn schon nicht als Weltbürger (was besonders schön wäre), dann doch wenigstens als überzeugte Europäer verstünden und dafür auch mit der entsprechenden Haltung einträten.

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