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Rat und Hilfe in allen Notlagen

Die Telefonseelsorge Main-Kinzig nimmt 11500 Anrufe entgegen. Im April startet eine neue Ausbildung für Ehrenamtliche.

25. Januar 2023 / 16:28 Uhr
Main-Kinzig-Kreis (re). Sie gehört seit Jahrzehnten bundesweit zu den bekanntesten Nummern: Unter 0800/111 0111 bietet die TelefonSeelsorge für Ratsuchende kostenfrei Unterstützung und Beistand an. In fast jeder Diskussion zum Thema psychische Störungen wird auf die Telefonseelsorge verwiesen, und so ist die ökumenische Telefonseelsorge – kurz TS – für viele Menschen die erste Nummer, die sie wählen. Das können sie Tag und Nacht, rund um die Uhr, an Werktagen wie an Sonn- und Feiertagen.

Was nur wenige Menschen wissen: Der 24-Stunden-Dienst in der Krisenintervention und Suizidprävention wird überwiegend von Ehrenamtlichen getragen. Die Telefonseelsorge ist eine Einrichtung der Kirchen, die Dienst am Menschen in Not leistet.

„Die fundierte Qualifizierung, die Aus- und Weiterbildung der Ehrenamtlichen ist das Markenzeichen und Aushängeschild der TelefonSeelsorge“, sagt Pfarrerin Christine Kleppe. Als Pfarrerin der Landeskirche ist sie hauptamtlich für die Telefonseelsorge in der heimischen Region verantwortlich. Gemeinsam mit Pfarrer und Supervisor Hansjörg Haag leitet sie die nächste Ausbildungsgruppe, die im April beginnt. Zwischen zwölf und 15 Menschen werden dann ungefähr ein Jahr lang sehr umfangreiche als Telefonseelsorger ausgebildet.

Die Gruppenkurse, die einmal pro Woche in Langenselbold stattfinden, beinhalten Themen wie Gesprächsführung, Selbsterfahrung und bestimmte Themen am Telefon. „Wie wir in Kontakt kommen und ein Gespräch führen, üben wir beispielsweise in Rollenspielen“, erklärt die Pfarrerin. „Wir sprechen darüber, in welche ‚Fallen‘ man nicht tappen sollte, zum Beispiel im Umgang mit Menschen mit psychischen Erkrankungen. Auch Religion und Glaube und die Sprachfähigkeit darüber spielen eine Rolle in der Ausbildung.“

Die Ausbildung und die verpflichtende begleitende Supervision bieten durchaus Vorteile im Privaten und für das Berufsleben. Pfarrerin Kleppe erhält häufig positive Rückmeldungen von Mitarbeitern wie diese: „Ich habe in all der Zeit mehr bekommen, als ich gegeben habe – durch die Gespräche mit den Anrufern, durch die Ausbildung und die Supervision, durch das gute Miteinander der Ehrenamtlichen“, blickt eine 49 Jahre TS-Frau zurück auf ihren Dienst. Ein 55-jähriger Mann sagte: „Die Ausbildung bei der Telefonseelsorge hat mir ganz neue Einblicke in mein eigenes ‚Ich als Mann‘ gegeben. Gerade als Vater von Teenagern profitiere ich von meinen Erfahrungen bei der TS. Oft sehe ich nach Gesprächen mit den Anrufern meine eigenen Sorgen aus einer anderen Perspektive. Das ist für mich ein Gewinn.“

Im evangelischen Gemeindehaus Langenselbold, wo die Ausbildung stattfindet, ist Pfarrerin Kleppe in ihrem Büro nur zu Verwaltungsaufgaben anzutreffen. Denn die TS-Gespräche finden an einem anderen Ort in einem geschützten Raum statt. Die Anonymität des Ortes ist für die Ehrenamtlichen und für die Anrufer von Bedeutung. Anrufer werden automatisch mit der nächstgelegenen freien TS verbunden. Zur Sprache kommen quer durch die Gesellschaft alle Notlagen. „Bei uns landet alles. Zum Beispiel rufen frühmorgens Menschen an, die in depressiver Stimmung sind und einen Impuls in den Tag brauchen. Es melden sich immer mehr, die alleine leben und unter Einsamkeit leiden, und auch Menschen mit Suizidgedanken sind unter den Anrufern“, sagt Pfarrerin Kleppe.

Die Telefonseelsorge Main-Kinzig hat im vergangenen Jahr etwa 11.500 Anrufe entgegengenommen; das sind mehr als 30 am Tag. Etwa ein Drittel der Ratsuchenden haben eine bekannte und ärztlich festgestellte psychische Erkrankung. Der große Anteil der Menschen, die sich bei der TS melden, leben alleine, ungefähr 80 Prozent. Etwa ein Drittel der Anrufer sind Männer. Das ist auch eines der Motive für einen 61-Jährigen, sich ehrenamtlich bei der Telefonseelsorge zu engagieren: „Männer sind Teil der Gesellschaft. Deshalb finde ich es wichtig, wenn auf der Seite der Telefonseelsorge auch die männliche Sichtweise präsent ist.“

Die Zusammensetzung der Ehrenamtlichen ist überaus vielfältig, mit ganz unterschiedlichen Lebensläufen und Ausbildungen. „In diesen Gruppen miteinander zu lernen ist für alle, auch für mich, eine große Bereicherung“, sagt Pfarrerin Kleppe. Wer sich für ein Ehrenamt als Telefonseelsorger interessiert, sollte die Bereitschaft zur Gruppenarbeit mitbringen, außerdem ein wenig Lebenserfahrung, Belastbarkeit, Toleranz, Einfühlungsvermögen, die Bereitschaft zur Selbstreflexion und Verschwiegenheit. „Menschen, die das Herz auf der Zunge tragen, sind in anderen Bereichen sicher besser aufgehoben“, sagt Pfarrerin Kleppe. Sie ist Ansprechpartnerin für alle, die sich für die neue Ausbildungsgruppe der TS, die im April in Langenselbold beginnt, interessieren oder sich bewerben wollen.

Weitere Informationen gibt es im Internet unter www.telefonseelsorge- main-kinzig.de. Bei Interesse oder weiteren Fragen wenden sich Interessierte an die Verwaltung der ökumenischen Telefonseelsorge Main-Kinzig (Telefon 06184/93799 60, E-Mail buero@telefonseelsorge-main-kinzig.de. Bewerbungsschluss für die neue Ausbildung ist Mittwoch, 15. Februar.

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