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Sohn belastet Sylvia D. schwer

Kindesmordprozess am Hanauer Landgericht fortgesetzt

05 Jun 2020 / 16:56 Uhr

Main-Kinzig-Kreis (nic). Es ist bloß ein Demonstrationsobjekt, doch es genügt für eine Gänsehaut: Ein weißes Laken, an zwei Seiten zugenäht, 1,18 Meter lang und 1,41 Meter breit, oben mit einem Tunnelzug versehen. Gefertigt hat es eine an der Nähmaschine versierte Verwaltungsangestellte im Auftrag von Staatsanwalt Dominik Mies nach den Vorgaben der Frau, die solche Säcke einst im Auftrag von Sylvia D. genäht hat: Cordula E., damals wie heute eine enge Vertraute D.s. Heute ist es bloß eine Schaufensterpuppe, die der Staatsanwalt zur Illustration in den Sack steckt. Im August 1988 aber soll ein vierjähriges Kind in einem solchen gestorben sein. Am Donnerstag wurde der Prozess gegen Sylvia D. fortgesetzt, die wegen Mordes an Jan H. angeklagt ist.

Bevor Cordula E. nach mehrtägiger Vernehmung aus dem Zeugenstand entlassen wird, lässt sie das Gericht noch wissen, dass sie sich hinsichtlich der Größe des zu Illustrationszwecken angefertigten Sackes überhaupt nicht sicher sei. Der könnte nämlich auch aus einem Doppelbettlaken gefertigt und damit weitaus größer gewesen sein. Auch insgesamt hatte die Zeugin an vielen Stellen ausgesagt, Dinge nicht gewusst oder nicht mehr in Erinnerung zu haben – und damit das Vertrauen der Kammer im Hinblick auf die Einhaltung der Wahrheitspflicht derart erschüttert, dass der Vorsitzende Richter Dr. Peter Graßmück zum Abschied mit Blick auf den Staatsanwalt durchblicken lässt, dass ihr Aussageverhalten auch ein juristisches Nachspiel haben könnte.

Nächster Zeuge an diesem Verhandlungstag ist Martin D., der ältere der beiden leiblichen Söhne der Angeklagten. Er ist, anders als Cordula E., längst nicht mehr Teil der sektenähnlichen Gemeinschaft um Sylvia D., die angeblich Gottes Botschaft verkündet, und sein Blick auf diese dementsprechend ein gänzlich anderer. Es war 1992, als er sich entschloss, aus seinem Elternhaus und dem System Sylvia D. auszubrechen. Seit fast 30 Jahren hat der heute 46-Jährige keinen Fuß mehr in das Haus in Kesselstadt gesetzt, dennoch trägt er unübersehbar schwer an der Last seiner Vergangenheit. Wie schwer, wird auch an diesem Tag im Gerichtssaal immer wieder ersichtlich. Es fällt ihm, das sagt er selbst, nicht leicht, hier zu sein, sich all dem zu stellen. Schon bei der Aufnahme seiner Personalien zögert er, gefragt nach dem Verwandschaftsverhältnis zu Silvia D., sichtbar, auch wenn es eigentlich bloß um eine Formalie geht. Er knetet die Hände, und seine ganze Körperhaltung spiegelt ein tiefes Unbehagen, bevor er die Frage bejaht. Ja, die Angeklagte ist seine Mutter. Kein einziges Mal aber benutzt er selbst dieses Wort für sie, nennt sie stattdessen nur „diese Frau“ oder „meine sogenannte Mutter“.

Mehr dazu lesen Sie am Samstag, 6. Juni, in der GNZ.

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