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Stigmatisierte Schwermut

Jörg Engelhardt bekam vor 18 Jahren eine Diagnose: Depression

12 Nov 2019 / 14:45 Uhr

Main-Kinzig-Kreis. Diese Schwere, sie ist einfach überall, auf allem, in allem. Auf den Schultern, die den Alltag kaum noch (er)tragen können. Auf der Daunendecke, die morgens bleischwer auf dem Körper liegt und sich oft einfach nicht zurückschlagen lässt. Auf den simpelsten Alltagsentscheidungen, die mit einem Mal unermessliches Gewicht zu haben scheinen. Jörg Engelhardt kennt sie nur zu gut, seit mehr als 18 Jahren ist sie da, ein ständiger Begleiter. Engelhardt leidet seit fast zwei Jahrzehnten an einer schweren Depression. Doch nicht nur die Krankheit selbst ist für den 57-Jährigen immer wieder eine Herausforderung, auch der gesellschaftliche Umgang damit kostet Kraft. Unsere Redakteurin Nicole Schmidt hat Jörg Engelhardt in Gelnhausen zu einem Gespräch getroffen.

Zehn Jahre ist es her, dass sich der Hannover-96-Torwart und Nationalspieler Robert Enke das Leben nahm und nicht nur die Sportwelt fassungslos zurückließ: ein junger, erfolgreicher Spitzensportler mit Frau und Kind, ein Leistungsträger. Warum nur? Erst nach seinem Tod wurde bekannt, dass Enke schon seit Jahren an Depressionen litt, in psychiatrischer Behandlung war. Dass es im Inneren eines Mannes, der im Tor so nervenstark agierte, mit sich selbst so im Reinen schien, in Wahrheit so düster war, dass er sich am 10. November 2009 vor einen Zug warf, lag für viele schlicht außerhalb des Vorstellbaren. Doch die Angst vor dem gesellschaftlichen Stigma war offenbar zu groß, um die Erkrankung öffentlich zu machen.

Fragt man Jörg Engelhardt, was sich seitdem im Hinblick auf die öffentliche Wahrnehmung jener Krankheit getan hat, die auch sein Leben bestimmt, fällt seine Einschätzung nicht sonderlich positiv aus. Noch immer sei eine depressive Erkrankung schambehaftet, sagt er, noch immer laste auf den Patienten irgendwie der Zwang, sich rechtfertigen zu müssen, fast so, als ob man sich diese Krankheit selbst ausgesucht hätte, als ob man irgendwas dafür könnte. Ein absurder Gedanke, auf den bei einer Krebserkrankung sicher niemand käme. Doch tatsächlich haftet der Depression, wie übrigens den meisten psychischen Erkrankungen, das Stigma der Schwäche an. Wer Depressionen hat, gilt als nicht belastbar, labil, nicht stark genug. Überhaupt, einfach nicht genug. „Menschen mit Depressionen passen nicht in unsere Leistungsgesellschaft“, sagt Jörg Engelhardt. Anders ist das beim Burnout, und das ärgert ihn ein bisschen. „Der Begriff ist deutlich positiver besetzt, weil er beinhaltet, dass man ja eigentlich ein toller Kerl ist, weil man so viel gearbeitet hat.“

Mehr dazu lesen Sie am Mittwoch, 13. November, in der GNZ.

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