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Wider die Schwarz-Weiß-Malerei

Landrat Stolz zur SUV-Hysterie und zur Klimadebatte

23 Sep 2019 / 16:59 Uhr

Main-Kinzig-Kreis. Bei der Eröffnung der 17. Main-Kinzig-Automobilausstellung des Druck- und Pressehauses Naumann am vergangenen Sonntag in Gelnhausen hat Landrat Thorsten Stolz deutliche Worte für die aktuelle Hysterie um SUV‘s und hochmotorige Fahrzeuge gefunden. Das Thema hat GNZ-Chefredakteur Thomas Welz nun mit dem Landrat vertieft. Dabei geht es aber nicht nur um Autos, sondern auch um die Zuliefererindustrie, Windkraft und den „Friday for Future“ diese Woche in Gelnhausen.

GNZ: Herr Stolz, Sie haben sich bei der Eröffnung der MKAA dafür ausgesprochen, vor dem Hintergrund der Klimadebatte keine Schwarz-Weiß-Malerei zu betreiben. Worauf genau haben Sie damit abgezielt?

Thorsten Stolz: Ich habe damit ein grundsätzliches Problem in unserer Gesellschaft angesprochen: Wir denken und diskutieren zusehends nur noch „Schwarz-Weiß“, und oft stehen sich extreme Positionen gegenüber. Dabei ist es wie so oft im Leben: Die Wahrheit liegt irgendwo in der Mitte. Das Thema Windkraftausbau ist ein gutes Beispiel dafür. Da stehen die Windkraftgegner unversöhnlich den uneingeschränkten Windkraftbefürwortern gegenüber. Da gibt es Gruppen, die gegen jedes Vorhaben im Bereich der Windenergie im Main-Kinzig-Kreis sind und nicht müde werden, den Klimawandel zu leugnen. Auf der anderen Seite gibt es die Position, das neben den heute bereits gebauten 100 Windkraftanlagen im Main-Kinzig-Kreis noch einmal locker 300, 400 Anlagen oder mehr obendrauf kommen können. Ich halte beide Sichtweisen für grundlegend falsch. Es geht darum, Verantwortung zu übernehmen und gleichzeitig die Menschen vor Ort mitzunehmen. Das gelingt nur mit Augenmaß. Und diese Schwarz-Weiß-Malerei können Sie auf viele Bereiche übertragen: die Integration von Flüchtlingen oder die Debatte um die Zukunft des Autos. Auch hier wünsche ich mir mehr Augenmaß: Etwa 77 Prozent aller privaten Haushalte verfügen mindestens über ein Auto. In der ländlichen Region ist dieser Anteil noch höher. Es gibt aber nicht „den Autofahrer“ oder „die Autofahrerin“; die gleichen Menschen nutzen häufig auch das Fahrrad, gehen zu Fuß oder bewegen sich mit Bus und Bahn. Hier ist also ein differenzierter Blick nötig. Außerdem wäre es bei diesem wichtigen Thema zu kurz gegriffen, wenn wir jetzt vorrangig die Autos – und insbesondere den Verbrennungsmotor – verteufeln.

Sie haben davor gewarnt, dass ländliche Regionen weiter abgehängt werden, wenn weiterhin derart gegen das Auto als Fortbewegungsmittel Stimmung gemacht werde. Warum genau ist das Ihre Sorge?

Anlass war ein Interview einer Organisatorin der Proteste rund um die IAA in Frankfurt, die sehr deutlich gemacht hat, dass es ihr nicht nur um den Verbrennungsmotor, sondern auch um die Elektromobilität geht und sie am liebsten alle Autos von den Straßen verbannen möchte, und stattdessen sollen alle den ÖPNV nutzen. Genau das meine ich mit Schwarz-Weiß-Denken, denn diese Vorstellung ist naiv und fernab der Realität. Alleine wenn ich mir den Main-Kinzig-Kreis in seiner Struktur betrachte, weiß jeder, dass es hier selbst in fünf oder zehn Jahren keinen flächendeckenden ÖPNV geben wird, der die individuelle Mobilität ersetzen kann. Das Auto – hoffentlich in Zukunft deutlich mehr über Elektromobilität und Wasserstoff – wird gerade auch für den ländlichen Raum in Zukunft ein wichtiges Fortbewegungsmittel bleiben. Hier werden Diskussionen von Menschen geführt, die ganz oft in der Großstadt leben, dort einen leistungsstarken ÖPNV vor der Tür haben und damit ihren Arbeits- und Ausbildungsplatz, die medizinische Versorgung oder Nahversorgungsmöglichkeiten gut erreichen können. Das hilft jemandem, der beispielsweise in Birstein, Brachttal, Jossgrund, Flörsbachtal oder Sinntal lebt, aber wenig weiter.

Im Main-Kinzig-Kreis hängen Tausende Arbeitsplätze an der Automobilindustrie. Können Sie diese Zahlen verifizieren, und wie schätzen Sie die Zukunftsaussichten dieser Unternehmen ein?

Damit sprechen Sie einen weiteren Punkt an, warum ich mir über die derzeitige Schwarz-Weiß-Diskussion Sorgen mache: Der Main-Kinzig-Kreis ist ein hessenweit bedeutender Standort der Automobilzulieferindustrie. Wir haben von Maintal bis Sinntal viele große und mittelständische Unternehmen im Kreis, deren Arbeitsplätze von der Automobilindustrie abhängen. Die Zahl der Arbeitsplätze liegt weit über 10 000. Viele dieser Unternehmen sind derzeit dabei, sich fit für die Zukunft zu machen, und stellen die Weichen für den Umbruch in der Automobilindustrie, versuchen neue Produkte am Markt zu platzieren, sich neu aufzustellen. Das macht Mut für die Zukunft, wird mit Sicherheit aber nicht ohne Reibungsverluste laufen, denn auch unsere heimische Wirtschaft leidet unter dem Vertrauensverlust in führende deutsche Marken durch den inzwischen vier Jahre dauernden Skandal um die Manipulationen bei der Kontrolle der gesetzlichen Grenzwerte. Die Automobilzulieferer hier vor Ort baden das aus, was andere vergeigt haben, und werden von den Automobilherstellern sogar noch wirtschaftlich unter Druck gesetzt.

Ist der aktuelle Hype um die E-Mobilität nicht scheinheilig, wenn man bedenkt, dass diese Fahrzeuge in der Gesamtklimabilanz nicht unbedingt besser, sondern unterschiedlichen Berechnungen zufolge sogar schlechter abschneiden?

Nein, ich halte den Ausbau der E-Mobilität nicht für scheinheilig, sondern dem Grunde nach für richtig, damit es auch künftig einen Individualverkehr gibt. Genauso wie ich mir mehr Anstrengungen hinsichtlich des Ausbaus von Wasserstoffautos wünsche, da beide eine Alternative zum bisherigen Verbrennungsmotor darstellen. Für beide Antriebsarten muss allerdings die Infrastruktur in großem Umfang ausgebaut werden. Das muss auch politisch oben auf die Agenda. Wir als Landkreis planen derzeit über unsere Kreiswerke auch den Bau einer Wasserstofftankstelle in der Region. Dazu laufen bereits Gespräche.

Aber noch mal zurück zum Elektroauto: Das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit kommt zu dem Ergebnis, dass ein heute gekauftes, für den breiten Markt typisches Elektroauto im Vergleich mit verbrennungsmotorischen Fahrzeugen unter Klimagesichtspunkten besser abschneidet – auch beim aktuellen deutschen Strom-Mix. Im Vergleich mit einem besonders sparsamen Dieselfahrzeug liegt der CO2-Vorteil eines Elektroautos bei 16 Prozent, gegenüber einem modernen Benziner bei 27 Prozent. Bei den anderen Umweltwirkungen ergibt sich ein differenzierteres Bild: Der Rohstoffaufwand ist bei Elektroautos höher als bei konventionellen Fahrzeugen, ebenso die Masse des insgesamt ausgestoßenen Feinstaubs. Bei Stickoxiden, die aktuell besonders im Fokus stehen, ist das Elektroauto hingegen im Vorteil. Daran wird deutlich, dass wir grundsätzlich noch etwas anderes brauchen, und zwar einen weiteren Ausbau öffentlicher Verkehrswege, mehr Radverkehr, einen verstärkten Einsatz von Car-Sharing und kurze Wege zwischen Arbeiten, Wohnen und Versorgung.

Die SUVs sind neuerdings die Lieblingshassobjekte von Klimaschützern. Was ist Ihre persönliche Einschätzung zu diesem Thema?

Wir fahren keinen SUV, deshalb bin ich da leidenschaftslos. Aber auch hier gilt, was ich anfangs gesagt habe: Vorsicht vor einer reinen Schwarz-Weiß-Diskussion. Ich halte nichts von Verboten. Warum sollte der Staat hier eingreifen und den Bürger entmündigen? Der Staat sollte sich vielmehr auf die Dinge konzentrieren, die ich bereits angesprochen habe: Förderung von Elektro- und Wasserstoffmobilität, Investitionen in den ÖPNV, den Ausbau der Radwege und die Unterstützung von wohnortnahen Arbeits- und Ausbildungsplätzen.

Morgen startet auch in Gelnhausen der erste „Friday for Future“. Was geben Sie den Initiatoren mit auf den Weg?

Ich begrüße es ausnahmslos, dass sich hier vor allem junge Menschen engagieren und zu Wort melden. Das bedeutet nicht, dass ich alle Positionen teile, aber ich finde es richtig gut, wenn hier Menschen für ihre Positionen auf die Straße gehen und sich Gehör verschaffen. Ich selbst werde am Freitag auch hingehen und das persönliche Gespräch suchen, weil mir die Meinung der Jugendlichen wichtig ist. Ich würde mir allerdings wünschen, dass daraus auch ein nachhaltiges Engagement entsteht, denn es gibt gerade im Main-Kinzig-Kreis viele Möglichkeiten, sich im Natur- und Umweltschutz und für die Gesellschaft insgesamt zu engagieren.

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