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Ein Vollblutstürmer, der
mit allen Wassern gewaschen war

Norbert „Nappo“ Schmidt bereut im Nachhinein seinen allzu frühen Rückzug
aus der Hessenliga in die A-Klasse Hanau

12 Mrz 2021 / 22:36 Uhr

Fußball. Rund 18 Jahre ging Norbert „Nappo“ Schmidt als ein Eigengewächs der Spvgg. 1910 Langenselbold bei drei verschiedenen Vereinen (seinem Heimatverein, KV Mühlheim und Germania Niederrodenbach) im Seniorenbereich als Angreifer auf Torejagd. Der 1,68 Meter kleine Stürmer war ein „Feingeist“ wie der frühere Bundesliga-Profi Allan Simonsen von Borussia Mönchengladbach.

Mit seiner Schnelligkeit und seiner Dribbelstärke sowie mit einem guten Torriecher ausgestattet, versetzte das junge, aufstrebende Talent Ende der 60er- bis weit in die 80er-Jahre hinein die gegnerischen Abwehrreihen sowie die Torhüter in Angst und Schrecken. Kurz vor seinem 60. Geburtstag schlug das Schicksal beim heutigen Rentner unerbittlich zu. Die Schock-Diagnose lautete Stimmbandkrebs. Nach vielen Chemotherapien und Bestrahlungen schien der zweifache Familienvater die Krankheit besiegt zu haben. Fünf Jahre später war der Krebs zurück, diesmal war es Kehlkopfkrebs. Durch die Entfernung des Kehlkopfes unterhält sich der gebürtige Langenselbolder durch ein Sprechventil mit seinen Mitmenschen. „Ich werde im Juni 70 Jahre alt. Gesundheitlich geht es mir gut. Ich muss im Jahr halt einige Kontrolluntersuchungen in Frankfurt über mich ergehen lassen“, schildert der Fan von Kickers Offenbach diese schwierige Episode seines Lebens.

Ab dem C-Schüler-Alter durchlief der damals Neunjährige alle Jugendmannschaften bei den „Zehnern“ in Langenselbold. In der A-Jugend wurde der talentierte Angreifer als 17-Jähriger für die letzten sechs Spiele der ersten Mannschaft freigemacht. Weil Langenselbold und der KSV Eichen am Ende punktgleich an der Tabellenspitze standen, musste ein Entscheidungsspiel um den Aufstieg in die A-Klasse Hanau die nötige Klarheit bringen. Am Carl-Diem-Weg (der heutigen Rudi-Völler-Sportanlage) in Hanau unterlagen die Zehner vor 3 000 Zuschauern mit 1:2. Trotz der Niederlage brillierte „Jungspund“ Schmidt und spielte sich in die Notizblöcke etlicher anwesender Vereinsvertreter. „Ich hatte ungefähr 15 Anfragen und habe mich für Hessenligist KV Mühlheim entschieden. Das war damals wie die dritte Liga heute“, blickte der 69-Jährige mit Stolz zurück. Bei den Offenbacher Vorstädtern war der junge Stürmer gesetzt.

Nach zwei Jahren in der Hessenliga forderte Vater Staat vom Angreifer den Wehrdienst ein. „Mit einem Attest versuchte Mühlheim meine Freistellung zu erreichen, was aber nicht klappte. Alternativ zur Bundeswehr hätte ich noch die Polizeischule in Mühlheim besuchen können“, erinnert sich Schmidt an die Anfänge seiner Seniorenlaufbahn.

In Langenselbold bei den Zehnern wurde man ebenfalls wieder auf den verlorenen Sohn aufmerksam. „Mein Heimatverein hat sich sehr um mich bemüht, vor allem der erste Vorsitzende Paul Gutermuth setzte alle Hebel für eine Rückkehr in Bewegung. Aus Mühlheim ging mein Mannschaftskollege Leo Rudisch als Spielertrainer mit nach Langenselbold. Ich fungierte als spielender Co-Trainer. Wir spielten in der heutigen Kreisoberliga Hanau immer vorne mit, doch für den Aufstieg reichte es nicht.“

Mit Mitte 20 verließ „Nappo“ seinen Heimatverein zum zweiten Mal und schloss sich dem Landesligisten Germania Niederrodenbach an. „Ich wollte einfach nochmal höherklassig spielen. Unter den Trainern Philipp Eibelshäuser und Manfred Erber hatte ich drei tolle Jahre.“ Danach sollte die zweite Rückkehr zu den „Zehnern“ nach Langenselbold folgen. „Mit einem langfristig angelegten Konzept wollte man aus der heutigen Kreisoberliga Hanau raus, zudem wurde die Mannschaft personell aufgerüstet. „Ich brachte aus Niederrodenbach noch Wolfgang Knapp mit, der als Spielertrainer die vorgegebenen Ziele umsetzen sollte. In den folgenden vier Jahren sind wir dann zweimal aufgestiegen und waren in der Landesliga Süd angekommen“, dokumentierte Schmidt den Höhenflug seines Heimatclubs.

In der Landesliga übernahm dann der frühere Torwart von Kickers Offenbach, Karl-Heinz Volz, das Traineramt. Für den mittlerweile über 30-jährigen Schmidt neigte sich die Karriere langsam dem Ende zu. „Im zweiten Jahr unter Volz agierte ich als Co-Trainer und hatte damals schon mit meiner Hüft-Arthrose Probleme. Mit Mitte 30 hatte ich Arthrose an beiden Hüften und musste daher meine Laufbahn beenden.“

Unter Coach Alfred Haas war der gelernte Elektro-Installateur im Scouting für neue Spieler zuständig. „Ich entdeckte und holte damals Tayfur Havutcu vom FC Rommelhausen an den Hinser Brühl. Dort ging dann der Stern des späteren Spielführers der türkischen Nationalmannschaft so richtig auf“, freute sich Schmidt über seinen besonderen Coup.

In lebhafter Erinnerung sind dem torgefährlichen Stürmer die Duelle mit den Bundesligaclubs Schalke 04, 1. FC Köln und Eintracht Frankfurt geblieben. „Schalke gastierte zum 75-jährigen Bestehen bei uns in Langenselbold. Ich durfte als Spielführer der Stürmerlegende Klaus Fischer beim Anstoß die Hand schütteln“, erinnert sich Schmidt. Die Königsblauen hatten mit dem jugoslawischen Nationaltorwart Enver Maric, Helmut Kremers, Manfred Dubski, Rolf Rüssmann, Hannes Bongartz, Rüdiger Abramczik und Fischer richtig klangvolle Namen in die Gründaustadt mitgebracht.

Auch der Deutsche Amateurmeister VfR Bürstadt mit Trainer Lothar Buchmann oder Kickers Offenbach gaben ihre Visitenkarte in Langenselbold ab. Im Nachhinein ist „der Nappo“ mit sich im Reinen: „Was ich im Rückblick bereue, ist meine erste Rückkehr vom Hessenligisten Mühlheim nach Langenselbold in die A-Klasse als 20-Jähriger. Hessenligavereine wie der 1. FC Hochstadt, Rot Weiß Frankfurt, Westend Frankfurt und Darmstadt 98 mit Spielertrainer Wolfgang Solz klopften damals bei mir an.“

Fragt man den Stürmer nach seinen absolvierten Spielen und der Torquote, meint der Rentner: „Ich habe nie Buch geführt darüber. Toremäßig habe ich generell immer im zweistelligen Bereich geliefert. Zudem habe ich meinen Mitspielern viele Treffer aufgelegt und etliche Elfmeter rausgeholt.“ Auch in der Hessenauswahl und der Kreisauswahl Hanau, die von Peter Herbener betreut wurde, machte sich Schmidt als torgefährlicher Stürmer und Spielführer einen Namen.

Wegen seiner Hüft- Arthrose lehnte er nach seiner Karriere Anfragen als Spielertrainer ab und verwirklichte sich als Trainer im Jugendbereich und Mitglied im Spielausschuss. Zwei Vereinen ist der Familienvater besonders treu. „In Langenselbold bin ich schon 60 Jahre Mitglied. Bei Viktoria Neuenhaßlau komme ich auf 30 Jahre, das hat damit zu tun, dass meine beiden Söhne Alessandro und Louis dort Fußball spielen.“ Beim Versuch, den Fußball in seiner aktiven Zeit mit dem heutigen zu vergleichen, kommt der Straßenfußballer ins Grübeln. „Für mich ist das schwer zu verstehen. Heute sitzen die Spieler nach dem Match im Vereinsheim und starren alle auf ihre Handys. Wir saßen früher zusammen, haben über das Spiel geredet und ein paar Stiefel Bier getrunken.“

Vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie traf sich Schmidt einmal im Monat mit seinen Weggefährten aus glorreichen Fußballzeiten. „Mit Reinhard Rüger, Thomas Weber, Heribert Cloes, Francisco ‚Paco‘ Orejuela, Peter Kasseckert und Klaus ‚Bolze‘ Halbschmidt und anderen haben wir zusammengesessen und die alten Zeiten nochmal aufleben lassen.“

In dieser momentan schwierigen Zeit haben für den 69-Jährigen seine Krebsvorsorgeuntersuchungen einen hohen Stellenwert. „Ich hatte zweimal Glück gehabt, dass ich immer zur Vorsorge ging. Gerade für die ältere Generation halte ich das in Zeiten dieser Pandemie für sehr wichtig.“

Deshalb wünscht sich der frühere Instinktfußballer für die Zukunft Gesundheit für sich und seine Familie sowie eine langsame Rückkehr in die Normalität. „Zu normalen Zeiten war ich viel auf den Fußballplätzen im Main-Kinzig-Kreis unterwegs und habe mir Spiele von verschiedenen Vereinen angeschaut. Das fehlt einem schon,“ blickt der fast 70-Jährige mit etwas Wehmut auf seine nach wie vor liebste Freizeitgestaltung.

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