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Der Olympiasieger aus Bad Orb

Am Sonntag vor 40 Jahren holte Bundestrainer Volker Beck bei den olympischen Spielen in Moskau als Athlet Gold über 400 Meter Hürden

24 Jul 2020 / 13:03 Uhr
Leichtathletik. Volker Beck (64) ist Bundestrainer der Hürdenläufer im Deutschen Leichtathletikverband (DLV). Im Mai 2022 geht er in Rente. Das wäre wohl etwas verfrüht, um sich am Sonntag in seinem Haus in Bad Orb zusammen mit seiner Frau ein Gläschen Sekt zum Frühstück zu genehmigen. Es gibt da noch einen anderen Grund: Denn der 1,91 Meter große einstige Modell-Athlet wurde am Sonntag vor 40 Jahren Olympiasieger über 400 Meter Hürden in Moskau .

An diesem 26. Juli 1980 passte für den Läufer der DDR-Nationalmannschaft einfach alles. Als er mit einer Zeit von 48,70 Sekunden ins Ziel einlief, danach mit der Goldmedaille lächelnd auf dem Podium stand, hatte sich ein Traum erfüllt, für den er sehr hart und erfüllt von frühester Jugend an hingearbeitet hatte.

Der Europapokalsieger von Helsinki (1977) und erste Deutsche, der in seiner Disziplin unter 49 Sekunden lief, erinnert sich: „Ich habe 1968, bei den Olympischen Spielen in Mexiko, schon meine ersten Sportlerbilder ins Album geklebt.“

Als er mit zwölf Jahren von Zuhause weg ging und ins Internat der Kaderschmiede für Läufer beim SC Turbine Erfurt einzog, tat er das mit einer hohen intrinsischen Motivation. „Die olympischen Ringe begleiten mich bis heute, ich war verrückt danach. Das war mein Ansporn und mein Traum. Ich habe für meinen Sport alles gegeben.“

Elf Jahre lebte Beck für diesen Traum im Internat. „Wenn man dann da oben steht und Olympiasieger ist, da bleibt man. Olympiasieger ist man für immer. Es ist nett, wenn man jetzt auf diese Vergangenheit zurückschaut.“

Beck profitierte bei seine Goldmedaille allerdings auch vom Olympia-Boykott der USA und Deutschlands. Es gab den größten Athleten seiner Zeit, Edwin Moses, über diese Distanz und den Gelnhäuser Harald Schmid. Beck sagt aber im Nachhinein: „Als wir davon erfuhren, dass die USA nicht kommt und Helmut Schmidt bekannt gab, dass Deutschland nicht in Moskau dabei ist, da waren wir tief getroffen. Der Boykott hat nichts daran geändert, das Russland in Afghanistan einmarschiert ist. Die Leidtragenden waren die Athleten.“

Aber auch mit Moses und Schmid wäre Beck ein Kandidat für den Olympiasieg gewesen. Er war 1977 in Düsseldorf Vizeweltcup-Sieger hinter Moses und vor Schmid und auch der zweitschnellste Mann der Welt über 400 Meter flach. Deshalb wurmt es ihn heute noch, dass Edwin Moses in einer US-Fachzeitschrift zuletzt behauptete, dass er Beck nie gekannt habe und nie gegen ihn gelaufen sei. „Das ärgert mich sehr. Moses war nicht zu greifen. Er kam, lief und verschwand wieder in den Stadion-Katakomben. Es gab einfach keinen Kontakt zu ihm.“

Mit einer Ungerechtigkeit kann er allerdings heute leben. 1977 gewann Beck das Weltcup-Finale über 400 Meter flach gegen den zu dieser Zeit fast unschlagbaren Kubaner Alberto Juantorena. Weil dieser durch ein Flugzeug den Startschuss nicht gehört haben sollte, legten die Kubaner Protest ein. Als die USA davon Wind bekamen, witterten auch diese eine Chance für ihre Läufer und legten ebenfalls Protest ein. Dann passierte etwas Einmaliges: Der Lauf wurde tatsächlich wiederholt. Beck wurde Zweiter hinter Juantorena. Beck sagt heute: „Albertos Reaktionszeit beim zweiten Lauf war dann langsamer als beim ersten.“ Dennoch habe er mit dem Kubaner heute ein herzliches Verhältnis.

Wenn Beck 2022 in Rente geht, wird er nicht zu den Menschen gehören, die endlich die Welt entdecken möchten. „Der Sport hat mir die Möglichkeit gegeben, die Welt kennenzulernen. Deutschland ist wunderschön, ebenso Hessen, und in Bad Orb habe ich eine herrliche Landschaft vor der Haustür.“

Langweilig dürfte es ihm nicht werden. Denn statt den deutschen Topstars über 400 Meter Hürden, Joshua Abuaku und Luke Campbell heißt der neue „Star-Athlet“ dann Enkeltochter Anna (9), die mit dem Opa schon mal locker 35 Kilometer auf dem Fahrrad zurücklegt. Ein Stück Welt ist für den Ex-Hürdensprinter das Haseltal, hier fühlt er sich wohl. Seit bald 25 Jahren wohnt er in Bad Orb, davor, nach seiner Zeit in Thüringen, lebte er drei Jahre in Wächtersbach und war zehn Jahre Verkaufsleiter beim Autohaus Nix. „Ich wusste, dass es nach der Wende anders werden würde. Und ich hatte eigentlich auch nicht mehr vor, ins Trainergeschäft voll einzusteigen, obwohl ich ja mein Sportstudium abgeschlossen hatte und noch zwei Jahre bis 1990 im Stützpunkt in Erfurt arbeitete.“ 1997 stieg er dann doch zunächst als Honoratrainer und danach als festangestellter Bundestrainer beim DLV wieder ein.

Beck, der schon in jungen Jahren gerne an die Leistungsgrenzen gegangen ist, sieht eine Veränderung in der Gesellschaft. „Wir haben zum Glück noch junge Athleten, die diese Leistungen auch bringen wollen, aber es gibt schon einen Unterschied, wenn man die Strecken über 100 und 200 Meter betrachtet oder die längeren Strecken, wo man sich schon richtig quälen muss. Da scheiden sich dann schon die Geister.“

Die Leichtathletik wird Beck auch in der Rente weiter verfolgen. „Es war von kleinauf mein Lebensinhalt und hat meinen Lebenslauf geprägt. Dafür bin ich sehr dankbar.“ Mit seinen ehemaligen Weltklasse-Konkurrenten aus dem Main-Kinzig-Kreis, hat er zum Teil noch Kontakt. Zu Harald Schmid weniger, „dafür treffe ich Edgar Itt noch öfters. Auch aus beruflichen Gründen sehe ich ihn häufiger.“

Obwohl er als Trainer auch große Athleten wie Olympiasieger Nils Schumann betreute, will er seine Trainertätigkeit nicht an Personen festmachen. „Für mich ist es eine Passion, den Langhürdensprint zu vermitteln und mit einer Elite junger Menschen umzugehen.“

Nicht nur als Bundestrainer, auch als Läufer wird Beck nach einer Basketball-Verletzung wohl etwas kürzertreten müssen. Das Knie macht in diesem Punkt nicht mehr so mit. Aber das kleine und große Fahrrad stehen für Opa und Enkelin für die Zeit nach der Karriere jederzeit startbereit in der Garage.

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