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Ein Großverein in stürmischen Zeiten

Der TV Langenselbold muss einen schwierigen Vorstandswechsel vollziehen
und kämpft mit breit gefächerten Online-Angeboten gegen schrumpfende Mitgliederzahlen

01 Feb 2021 / 10:31 Uhr

    Bei der ursprünglich für den 31. Dezember 2020 angesetzten Mitgliederversammlung wollte der größte Langenselbolder Verein, der TVL, einen Großteil des alten Vorstandes verabschieden und neue Vorstandmitglieder wählen – die Kandidaten standen bereits motiviert in den Startlöchern. Die Neuwahlen des geschäftsführenden Vorstands umfassten die Ämter des Vorsitzenden, des Stellvertreters sowie der Finanzleitung. Durch die verhängten Versammlungsbeschränkung konnte diese Wahl nicht abgehalten werden. Nun versucht der sich formal noch nicht im Amt befindliche neue Vorstand gemeinsam mit den noch amtierenden Vorstandsmitgliedern die Zeit bestmöglich zu überbrücken, bis offizielle Neuwahlen möglich sind.

    Der noch amtierende Vorstand besteht weiterhin aus der ersten Vorsitzenden Wilma Mohn, Finanzvorstand Hans-Wilhelm Dammann, Marcel Simon (Vorstand Sport) sowie Schriftführer Jens Hildenhagen. Da der stellvertretende Vorsitzenden Martin Ernst bereits zum 31. Dezember 2020 ausschied, wurde dieses Amt vorzeitig kommissarisch von Ralf Völker übernommen – final muss er jedoch ebenso bei Wahlen im Amt bestätigt werden, wie der neue Kandidat für den Vorstandsvorsitz Florian Koog, der bereits tatkräftig zu Gunsten des Vereins tätig ist. Des Weiteren steht als neuer Finanzvorstand Marius Neukamp zur Verfügung, Simon und Hildenhagen stehen zur Wiederwahl bereit.

    „In vielerlei Hinsicht sind uns die Hände gebunden und trotz vereinzelter Online-Angebote können die Abteilungen derzeit nicht agieren, wie sie möchten“, bedauerte Koog. Trotz der Schwierigkeiten betonten Mohn und Koog, dass sie viele hochengagierte Trainer und Übungsleiter haben, die im letzten Jahr lange mit kreativen Ideen den Kontakt zu ihren Gruppen gehalten hatten und dies auch 2021 fortsetzen. Hauptschwerpunkt in den meisten Abteilungen sei die gruppenspezifische Kontaktaufnahme mit den Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen zu „challenges“ oder wöchentlichem Online-Training. Im Handball ist dies ebenfalls der Fall, wobei, bei denen natürlich das Training mit dem Ball komplett entfallen muss und stattdessen die allgemeine Fitness und Ausdauer angesprochen wird. Die Turner haben jeweils eine wöchentliche Online-Trainingsstunde, die insbesondere in der jüngeren Gruppe eine hohe Resonanz erfährt.

    Im Dezember wurde ein Adventskalender auf der Homepage mit 24 Inspirationen (Bewegung, Basteln etc.) geschaltet. Die Leichtathleten treffen sich ebenfalls nur virtuell zum Training, ebenso wie die erfolgreiche Twirling-Abteilung des TVL. Hier wird das Online-Training sogar vier- bis fünfmal pro Woche abgehalten, was laut Mohn dem gewohnten Pensum auch ohne Corona entspricht. Sogar Online-Gradprüfungen wurden bereits erfolgreich absolviert und wird Ende Januar für drei weitere Prüflinge wiederholt. „Für den Lockdown ab November haben die Trainer eine Art Level-System überlegt: das sind Aufgaben, die wir gefilmt haben und die Mädchen können die Übungen filmen und den Trainern schicken. Für jede abgehakte Übung und jedes abgeschlossene Level erhalten die Mädchen Sticker für ihr Sticker-Trainingsheft“, erklärte Koog das digitale Motivations- und Trainingssystem. „Es gibt Trainingspläne und Online-Einzeltraining für die Tänze.“ Die wöchentlichen Kursangebote in Flexi-Bar, Wirbelsäulengymnastik, Pilates und Body-Total werden ebenfalls online abgehalten.

    Besonders hart trifft es aktuell die Karnevalisten: Die weit über Selbold Grenzen bekannten Selbolder Narren würden nun eigentlich in die „heiße Phase“ vor vielen Umzügen und Shows eintreten – doch statt Showproben für die fünfte Jahreszeit gibt es auch hier Online-Proben. Die Kampagne wurde bereits abgesagt (die GNZ berichtete) und somit entfallen für den TVL erneut viele wichtige Einnahmen. „Der Turnverein hat trotz großer Einnahmeausfälle im Jahr 2020 in Höhe von 35 000 Euro alle bestehenden Arbeitsverträge in vollem Umfang weiterbezahlt und ist damit seiner sozialen Verantwortung nachgekommen“, erklärte Mohn das große Problem mit ausfallenden Veranstaltungen und schwindenden Mitgliederzahlen. „Die laufenden Kosten für die vereinseigene Halle mitsamt Nebenräumen und Außengelände sind nahezu komplett weiter zu decken. Verbandsabgaben an die unterschiedlichen Sportverbände fallen weiterhin an. Die Faschingskampagne konnte 2020 noch stattfinden, was für den Turnverein ein wesentliches finanzielles Standbein darstellt. Doch weitere Veranstaltungen wie Highland Games und Halloween-Party mussten entfallen. Auch die Einnahmen aus dem Spielbetrieb der Handballabteilung, der Ausrichtung von Jubiläen und Geburtstagen im Vereinsheim oder der geplanten Ausweitung des Fitness- und Reha-Bereichs entfielen komplett. Am 24.01.2021 findet nun zumindest versuchsweise ein Schnupperangebot für die im Februar stattfindenden Online-Kurse Pilates, Flexi-Bar und Wirbelsäulengymnastik statt.“

    2021 sieht es zunächst nicht viel besser aus: Neben der bereits abgesagten Faschingskampagne entfällt auch die Jugend-Handballsaison und der Start der Senioren-Saison steht gegenwärtig auf tönernen Füßen; hier geht die Tendenz ebenfalls klar in Richtung Saisonabbruch. Die Ausrichtung von Privatfeiern wird auf absehbare Zeit weiterhin nicht möglich sein und über die Durchführung von Veranstaltungen im Sommer und Herbst kann laut Mohn zum aktuellen Zeitpunkt nur spekuliert werden.

    Grundsätzlich mache die Pandemie in diesem Jahr den Sportbetrieb im Außenbereich notwendig: „Da müssen wir unser Außengelände verstärkt für den Trainingsbetrieb unserer kleinen und großen Turner sowie für die Reha- und Fitnessgruppen nutzen. Im vergangenen Sommer waren leider die politischen Vorgaben so, dass die Kinderübungsstunden mit dem vorgegebenen Hygienekonzept – Abstände einhalten, Desinfektionen und weitere Notwendigkeiten – nicht durchführbar waren. Hier ist es dem Verein eine Herzensangelegenheit, dass es 2021 besser wird.“

    Mit dem Wegfall des Sportgeländes mit 400-Meter-Bahn vor dem Hessentag 2009 sei der TVL, laut Florian Koog, sehr eingeschränkt und fühle sich von den damaligen Verantwortlichen stark benachteiligt behandelt. Als Folge seien die einzelnen Abteilungen des TVL weit verstreut im Stadtgebiet (Stadion, Großsporthalle, Gründauhalle), weswegen das Vereinsheim laut der Vorstände nicht mehr „das Herz“ des Clubs sei. „Unser Ziel als neuer Vorstand ist es, das Vereinsleben abteilungsübergreifend zu beleben, denn hier liegen noch große Synergieeffekte ungenutzt“, bekräftigt Koog motiviert. „Davon wird auch Langenselbold profitieren. Wünschenswert ist zudem, dass die Gemeinde die große Bedeutung der Vereinslandschaft und insbesondere des TVL als Mehrspartenverein mit 135 Jahre Tradition wertschätzt und aktiv unterstützt. Dazu sind Gespräche mit den neuen Amtsinhabern im Rathaus nötig.“

    Beim größten Selbolder Verein stehen mehrere dringend nötige Sanierungsprojekte an, die zunächst einer Planungsphase bedürfen. Die Realisierungen hänge durch die schwerwiegenden finanziellen Ausfälle laut Koog am seidenen Faden. Hier könnte es in den Folgejahren zu substantiellen Problemen kommen, die der Vorstand unbedingt vermeiden möchte. Auch das Jubiläum „135 Jahre TVL“ dürfe nicht komplett entfallen. Angedacht seien derzeit drei dezentrale Außenveranstaltungen an unterschiedlichen Standorten. „Der Turnverein möchte auch zukünftig einen kulturellen Mehrwert in der Stadt bieten und das Miteinander über die einzelne Sportstunde hinweg pflegen“, waren sich Mohn und Koog einig. „Über die Vorhaben werden wir in den nächsten Wochen mit den Abteilungen beraten und natürlich den Pandemierahmen beachten.“ Nach der Absage der Mitgliederversammlung gab es zunächst Unklarheiten, wie weiter verfahren werden sollte. Die Einbindung der neuen Vorstandskandidaten durch viele Übergabegespräche und gemeinsamen Terminen und die Abstimmung untereinander bei zukunftsweisenden Entscheidungen funktioniert jedoch problemlos. „Für ihre Ratschläge und Hilfestellungen gebührt sowohl Wilma Mohn als auch Hans-Wilhelm Dammann einen sehr großen Dank – man merkt, dass beide bereits sehr lange viel Herzblut in den Turnverein investieren“, beschreibt Koog dankbar die Arbeit des amtierenden Vorstandes.

    Mit Andreas Müller ist zudem seit diesem Jahr einen neuen Hausmeister im Amt, der sich nebenberuflich um anfallende Arbeiten rund um das Vereinsgelände kümmert. Dank der jahrelangen, guten Arbeit des Vorstandes konnte der TVL in der Vergangenheit Rücklagen bilden, so dass er sich nicht für Nothilfezahlungen qualifiziert. Allerdings sollten diese Rücklagen für dringend notwendige Sanierungen genutzt werden: neue Toilettenanlagen im Obergeschoss, Grundsanierung der leerstehenden Hausmeisterwohnung, Ersatz der alten Heizungsanlage und die Instandsetzung des Grillbereichs.

    Da das Geschäftsjahr 2021 dem Verein erneut signifikante Verluste bescheren wird, ist die Realisierung der Vorhaben zurzeit ungeklärt. Zwar seien nach längerer Suche Kandidaten für die Wahl zum Geschäftsführenden Vorstand gefunden, doch der Verein lebe von der Beteiligung seiner Mitglieder. „Ich neige zum Optimismus“, lächelt Koog. „Daher hoffe ich, dass die Menschen durch die momentane weitgehende Isolierung den Mehrwert von Vereinen, natürlich insbesondere vom TVL, erkennen. Jeder Verein lebt von der Partizipation, hier kann jede und jeder sich einbringen und den Unterschied ausmachen. Möglicherweise sorgt Corona dafür, dass die Vereine zukünftig wieder etwas weniger als Dienstleister angesehen werden, sondern als Ort der Mitgestaltung, der Begegnung und der persönlichen Entfaltung sowie Zerstreuung. Vereinsengagement wird oft als ‚Zeit opfern‘ bezeichnet. Ich finde, dass diese Einstufung in die falsche Richtung weist. Der Netflix-Serie opfere ich meine Zeit, dem Ehrenamt widme ich sie.“

    Auffällig ist die coronabedingt typische Tatsache, dass der Großverein aus der Gründaustadt 2020 mehr Austritte als in sonstigen Jahren verzeichnet. Gleichzeitig gab es kaum Neueintritte. Der alte und neue Vorstand hofft, dass die Mitglieder auch in diesem Jahr dem Turnverein Langenselbold den Rücken stärken und ihm die Treue halten, um zu verhindern, dass der Club in eine noch gravierendere wirtschaftliche Schieflage gerät.

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